zarte Journalisten und die harte Realität

Nach den Protesten gegen die Übernahme des Berliner Verlags durch eine Investorengruppe um Montgomery möchte ich keine Kommentare von der Journalistenschar mehr lesen, deutsche Arbeitnehmer sollen sich gefälligst der Globalisierung stellen, Reformen freudig begrüßen und nicht immer nur meckern und protestieren.

Jaha, so schmecken bittere Pillen, wenn man sie selbst mal schlucken muss. Immer nur darüber schreiben, dass Reformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit schließlich nötig seien und die Arbeitnehmer sollen nicht so wehleidig sein, wenn man ihnen die ein oder andere soziale Errungenschaft wegnimmt, ist einfach und tut nicht weh. Aber jetzt bläst der globalisierungsumarmenden Journalie der scharfe Wind um die Ohren und schon ist der Protest groß. Natürlich ist gleich die Pressefreiheit in Gefahr, nur weil eine Zeitung Berlins („Berliner Zeitung“) plus Berliner Klatschblatt („Berliner Kurier“) plus Veranstaltungsmagazin („TIP“) einen ausländischen Eigentümer erhalten.

Redakteure eines selbst ernannten Qualitätsblattes sind sich nicht zu schade, infantile Heuschreckenverbotsschildchen an die Redaktionswände zu kleben. Dabei fand man in der Berliner Zeitung vor Monaten durchaus noch gute Worte für heuschreckenhafte Investoren:

Es gibt keinen Grund, dieser Branche besondere Sympathie entgegenzubringen. Wir haben es mit Unternehmensdealern zu tun – Unternehmer wären uns lieber. Aber eine Heuschrecken-Plage? Fügen diese Leute der deutschen Wirtschaft schweren Schaden zu? Sind sie gar für unsere Wachstums- und Beschäftigungsprobleme verantwortlich? Das ist, mit Verlaub, Unsinn. Es gibt Beispiele, in denen die vorübergehende Übernahme eines Unternehmens durch solche Finanzinvestoren für die Firma und ihre Beschäftigten gut war, es gibt Gegenbeispiele. Es gibt auch Betriebe, die geschlossen wurden, verbunden mit einem Totalverlust der Arbeitsplätze, weil sich kein risikobereiter Investor gefunden hat. [Kommentar von Chefredakteur Vorkötter]

Für den SPD-Chef verhalten sich internationale Großinvestoren wie Heuschrecken. Doch so einfach ist es nicht. Profitgierige Firmenhändler können auch nützlich sein für die Wirtschaft. […] Andererseits verschaffen die Private-Equity-Firmen den Unternehmen das Kapital, das ihnen deutsche Banken nicht mehr geben wollen. Wincor Nixdorf, auch von KKR gekauft, schuf 1 600 neue Stellen. Heuschrecken können manchmal auch nützliche Tiere sein. [Bericht zur Heuschreckendebatte von Münterfering]

Hier wird vollzogen, was anderswo in der Wirtschaft längst gang und gäbe ist. Bei der profitablen Berliner Zeitung sind noch nicht einmal unmittelbar Arbeitsplätze in Gefahr, was bei vielen anderen Unternehmen, die aufgekauft wurden, ganz anders war. Dort wurden im Zuge der Synergieeffekte erstmal kräftig Mitarbeiter entlassen. Noch ist nichts schlimmes passiert, die massiven Proteste der Journalisten wirken übertrieben wehleidig.  

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