Es darf geschlichen werden

Vor ziemlich genau einem halben Jahr hatte die ARD Probleme mit Schleichwerbung. Danach setzte dann eine kleine Sommerdebatte über Schleichwerbung und Product-Placement ein.

Geht es nach den Plänen der EU-Kommission, hat die ARD einfach nur zu früh Produkte wie zufällig aber gegen Bezahlung in ihrem Kinderprogramm ihren Vorabendsoaps auftauchen lassen. Denn bald ist sowas legal:

Schleichwerbung soll nach dem Willen der EU-Kommission im Fernsehen generell als Product-Placement zugelassen werden. Ausgenommen werden sollen davon nur Kinderprogramme, Nachrichten und andere Informationssendungen. […] Fernsehanstalten sollen dem Vorschlag zufolge nur im Vorspann einer Sendung darauf hinweisen, für welche Produkte geworben wird.

Wie hab ich mir den Vorspann vorzustellen? Kommt dann eine lange Liste, in welcher Szene für welches Produkt von welchem Hersteller geworden wird? Oder wird nur allgemein gesagt „Die folgende Sendung enthält Schleichwerbung. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihre Verbraucherzentrale.“?

Für die Sender wird das mit Sicherheit ein netter Zuverdienst, der Dumme ist der Zuschauer, der nun nicht mal mehr klar erkennen kann, wann er beworben wird. Damit werden Beiträge oder Szenen oder Sendungen nun noch leichter und vor allem legal käuflich sein.

Die federführende Kommissarin Viviane Reding entblödet sich dann auch noch, diese Neuregelung als verbesserte Möglichkeiten zur Kontrolle durch den Zuschauer zu lobpreisen:

Ziel des Entwurfes ist es, den Zuschauer mit der Fernbedienung selbst das Programm kontrollieren zu lassen. „Für die EU-Kommission bedeutet eine verbesserte Kontrolle durch den Endverbraucher, dass wir weniger gesetzliche Bestimmungen brauchen“

Öhm, ich würde eher sagen, der Zuschauer hat nun weniger Kontrolle, weil er eben nicht mehr wegzappen kann, wenn der Werbeblock kommt. Die Werbung ist ja dann integraler Bestandteil des Programms.

Wieder mal sind wir Deutschen die Nörgler:

Die Freigabe des Product Placement traf auch bei deutschen Medienwächtern und Politikern auf Ablehnung. Kommissarin Reding versteht dies nicht: „Nur in Deutschland wird über Product-Placement diskutiert“, sagte sie bei einer Veranstaltung der Landesmedienanstalt Saarland in Nennig. Für sie ist nichts dabei, wenn Produktnamen in Unterhaltungsprogrammen oder Ratgebermagazinen auftauchen.

Das ist ja sehr schön, wenn Frau Kommissarin kein Problem damit hat, wenn ihr Lieblings-Make-Up in einer Ratgebersendung zu sehen ist. In Deutschland dagegen wird auf gewisse journalistische Standards Wert gelegt, die aus gutem Grund — nämlich der möglichst unabhängigen Berichterstattung, worüber auch immer — so festgelegt wurden.

Lebkuchenmangel

Wohl seit Anfang stehen Lebkuchen in den Läden. Zu einer Zeit also, zu der man als normaler Mensch noch keinen Gedanken an Lebkuchen verschwendet, weil man dabei ist, den Spätsommer zu genießen. Ich beiße aber vor dem ersten Advent bzw. ersten Dezember (je nachdem, was als erstes eintritt) in keinen Lebkuchen.

Jetzt aber, mitten im Advent, gibt es in den Supermärkten nur noch klägliche Reste der ehemals reichhaltigen Auswahl am Gewürzgebäck. Schon in der ersten Dezemberwoche war das Angebot in meinem Plus-Markt hier in der Nähe mau, gestern bei Real war es nicht besser. Nur mit Christstollen könnte ich mich für die nächsten Jahrzehnte eindecken.

Man kann jetzt einwenden, dass ich eben schon früher meine Lebkuchen hätte kaufen sollen. Ich betreibe aber keine Lagerhaltung an Lebensmitteln, sondern kaufe alltägliche Waren erst dann, wenn ich sie brauche und nicht, wenn sie der Handel europalettenweise in die Supermarktgänge räumt. Soviel Freiheit nehme ich mir als Konsument heraus.

Eine Frage der Ehre?

Kanzler nach dem Ende ihrer Amtszeit scheint es zu überkommen, ein Faible für Ehre zu entwickeln. Erst der Kohl mit seiner Bimbes-Ehre, nun kommt Schröder und bezeichnet heute in der SZ den umstrittenen Aufsichtsratsposten bei der Gaspipelinefirma als „Ehrensache“.

In dem Artikel der Süddeutschen relativiert der Altkanzler (das wird noch eine Weile brauchen, bis ich das Wort mit Schröder assoziiere, bisher denke ich da eher an Helmut Schmidt und widerwillig an Helmut Kohl) die Gehaltszahlen, die in der Presse umherschwirren. Es sei noch nicht über Geld gesprochen worden, doch es werde wohl nur die „übliche Aufwandsentschädigung“ gezahlt werden.

Schröder scheint nicht zu begreifen, worum sich die Aufregung zur Zeit dreht: es ist weniger die Höhe der Gehaltszahlung (aber ein 1-Euro-Job wirds schon nicht sein) als mehr die Tatsache, dass er sich von Freund Putin auf einen lukrativen und sicher nicht allzu anstrengenden Posten hieven lässt. Da nutzt jemand seine politischen Verbindungen für seinen persönlichen Vorteil, das stößt sauer auf. Zu Recht.

Nichtsdestotrotz ist die Kritik aus den Parteien meist verlogen. Alle Parteien (außer der Linkspartei, soweit ich das sehe) hatten Fälle, in denen Politiker sehr schnell in hohe Positionen der Wirtschaft wechselten. Ein Ehrenkodex (hier ist es wieder, das E-Wort) mit einer Karenzzeit für Politikerhopping in die Wirtschaft ist daher richtig.

Hartz IV im wissenschaftlichen Selbstversuch

Eine Handvoll Sozialwissenschaftsstudenten der Humboldt-Uni Berlin haben einen Monat lang einen Selbstversuch gemacht: Leben mit Hartz IV, also 345 Euro plus Warmmiete.

Zu meiner Verwunderung bedeutete das für die meisten Studenten eine (starke) Einschränkung ihrer finanziellen Mittel. Das müssen recht wohlhabende Studenten sein, die sich entweder ein nettes Zubrot verdienen oder von Mama & Papa subventioniert werden. Mein Bedarfssatz fürs BAföG hat ziemlich genau die gleiche Höhe wie jetzt mein Arbeitslosengeld II — insofern keine Verschlechterung.

So überragend sind die studentischen Vergünstigungen ja nun auch nicht. Und ein Arbeitsloser muss auch nicht jeden Tag den ÖPNV nutzen, also braucht er auch das Semesterticket nicht so nötig (wobei ich meins vermisse).