‚Du bist Deutschland‘ – Die Bilanz

Gestern, am 21. Februar, zogen die Macher der Kampagne „Du bist Deutschland“ Bilanz. Wie es bei PR-Leuten nicht anders zu erwarten war in wolkigen Worten: Kampagne ein voller Erfolg, Stimmung verbessert, alles super, alles toll, bla blubb.

Trotz der Penetranz der Kampagne hat man einen Bekanntheitsgrad von lediglich 58% erreicht. Das hat die GfK herausgefunden. Und will noch mehr herausgefunden haben:

„Unstrittig ist auf Basis der Umfragen der Gfk jedoch, dass die Kampagne viele Millionen Menschen in Deutschland emotional darin bestärkt und motiviert hat, mit ihrem täglichen Engagement einen sinnvollen, persönlichen Beitrag für die Zukunft des Landes zu leisten“

(tagesschau.de, 21.02.06)

Würde mich ja mal interessieren, wie die GfK eine „Bestärkung der Lebenseinstellung“ messen will. Mehr als Kaffeesatzleserei dürfte dabei nicht herauskommen.

Ungewöhnlich hoch ist die Geschwindigkeit, mit der „Du bist Deutschland“ zum geflügelten Wort wurde und sich verselbstständigt hat. Die Redewendung ‚Du bist‘ – steht längst für Zuversicht, Engagement und Eigeninitiative.

(Pressemitteilung, 21.02.06)

Zum geflügelten Wort ist es tatsächlich geworden. Dass es aber für Zuversicht, Engagement und Eigeninitiative steht, wage ich zu bezweifeln.

„[…] Die Kampagne kam genau zur richtigen Zeit. Wir wissen jetzt: Die Deutschen wollen raus aus dem Jammertal.“

(ebd.)

Es bedarf also einer Kampagne, damit die PR-Leutchen merken, dass die Deutschen raus wollen aus dem Gürtel-enger-schnallen-Gerede und der Massenarbeitslosigkeit?! Ein Gang auf die Straße hätte es auch getan.

Seid doch ehrlich und sagt, dass die Kampagne ein Griff ins Klo war. Ein Land lässt sich nicht einfach im Stile eines Motivationsseminars kollektiv vom Hocker reißen, so dass sie plötzlich ihre Probleme vergessen. Es sind nämlich ganz reale Probleme, die die Menschen plagen. Keine eingebildeten, die sich mit flotten Sprüchen wegtherapieren ließen.

Deutschland redet sich seit einigen Jahren schlechter als es ist. Das ist bekannt und wird auch politisch genutzt für lange gewünschte Einschnitte in Arbeitnehmerrechte oder Sozialleistungen. Eine bessere, objektivere Berichterstattung in der Presse würde mehr helfen als eine Hurra-Deutschland-Aktion. Einerseits erzählt man uns, wie schlecht der Standort D ist, andererseits gibt die volle Dosis Optimismus in Werbespots. Da stimmt doch was nicht. Ich finde es auch durchaus sympathisch, dass die Deutschen sich nicht von Werbekampagnen einlullen lassen. Sie wollen Fakten, sie wollen gerne Beweise dafür, dass es dem Land nicht schlecht geht. Wenn man aber seit Jahren den Neuanfang als Verzicht propagiert, dann stößt das auf wenig Aktzeptanz.

4 Gedanken zu “‚Du bist Deutschland‘ – Die Bilanz

  1. Ich fand die Kampagne auch dämlich. Aber warum bitte sollten die Betreiber jetzt sagen, daß die Kampagne ein Griff ins Klo gewesen sei, wenn bei Umfragen etwas ganz anderes herauskommt? Man kann die Umfrage sicherlich kritisieren, aber dafür wären dann Argumente nützlich, die sie auch konkret infrage stellen und ihre Schwachstellen aufzeigen; Überzeugung allein reicht dabei nicht aus.

    Vielleicht einfach akzeptieren, daß man auch mit Blödsinn Erfolg haben kann?

  2. Was kam denn bei den Umfragen heraus? Dass sich etwa 30% der Menschen durch die Kampagne motiviert gefühlt haben. Das waren aber wohl eher diejenigen, die das eh nicht nötig gehabt hätten, weil sie bisher schon anpacken. 2/3 hat die Aktion kalt gelassen. Den Arbeitslosen gehts davon kein Stück besser.
    Man wollte eine Hau-ruck-Kampagne machen; eine Kampagne, die die Deutschen von den Sitzen reißt und sie zum kollektiven Anpacken animiert. Vor diesem Anspruch gesehen ist die Kampagne gescheitert, die gereizten Reaktionen der Kampagnenmacher auf die Kritik in Blogs (Stichwort: Klowände) zeigen ja, dass man vom fehlenden Erfolg der Kampagne enttäuscht war.

    Ich würde die Umfrage der GfK ja auch gern argumentativ in Frage stellen, aber dafür fehlt mir die Studie. Kann man die irgendwo im Netz finden?

  3. Es kann ja durchaus sein, daß Du recht hast, ich will das gar nicht rundweg abstreiten. Daß die Kampagne den großen Umschwung auslösen wird glaube ich eh nicht. Aber weißt Du, wieviel Prozent man erreichen und ansprechen muß, damit eine Kampagne als erfolgreich gelten kann? Ich habe keine Ahnung, welche Quote man normalerweise anpeilt, kann mir aber durchaus vorstellen, daß sie deutlich unter 1/3 liegt.

  4. Ich weiß nicht, wann eine Kampagne als gelungen gelten kann. Aber angesichts der selbstgesteckten Ziele, dass man eine Aufbruchsstimmung, mehr Zuversicht und Eigeninitiative schaffen will, dann meine ich, davon nichts zu spüren. Weder bei mir selbst noch in meinem Umfeld.

    Die 1/3 mehr an Zuversicht wage ich in dieser Pauschaliät mal anzuzweifeln. Wer ist motiviert geworden, mit seinem „täglichen Engagement einen sinnvollen, persönlichen Beitrag für die Zukunft des Landes zu leisten“? Sinds die eh schon motivierten (dann hätte die Kampagne nämlich gar nichts gebracht) oder sind es tatsächlich Leute aus dem „Jammertal“? Sind die Ursachen wirklich auf die Kampagne zurückzuführen oder gibt es nicht andere Gründe (neuer Job, Umzug, persönlicher oder beruflicher Neuanfang etc.)?

    In dieser Form ist das heiße Luft aus der PR-Abteilung und keine Nachlese einer groß angelegten Kampagne. Entweder man nimmt sowas wirklich ernst und will hinterher auch wirklich wissen, was man mit solche Spots bewegen kann, oder man lässt es sein.

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