Grass – eigene Vergangenheit und Moral

Günter Grass wurde also 1944 als 17-Jähriger zum Volkssturm in eine Einheit der Waffen-SS einberufen. Das sagt er uns erst jetzt, in einem Interview mit der FAZ.

In diesem Interview redet er über die Themen seines Buches „Beim Häuten der Zwiebel“, in dem er seine Jugend beschreibt. Sein Eingeständnis ist also keine PR für das, sondern es ist Teil des Inhaltes seines Buches. Spätestens wenn das Buch herausgekommen wäre, hätte es in allen Zeitungen gestanden, dann wäre die Bombe eh geplatzt und der Tanz in den Feuilletons nicht weniger heiß gewesen. Trotzdem unterstellt die Judenzentralratspräsidentin Knobloch einfach mal, es handele sich um PR.

Auch andere Kritiker Grass‘ kriechen jetzt aus ihren Löchern und braten ihm kräftig eins über: Henryk Broder und der Michael Wolffsohn zum Beispiel sprechen ihm gleich jede moralische Glaubwürdigkeit ab. Broder meint gar, Grass rede „fast immer […] Unsinn“. Jaha, na endlich können sie mal auf das pfeifenrauchende Plappermaul draufhauen, jippie.

Grass war derart damit beschäftigt, Pinter zu preisen und die USA zu verdammen, dass er keinen Satz, kein einziges Wort über den iranischen Präsidenten Ahmadinschad verlor, dessen Drohung, Israel von der Landkarte zu tilgen, ihm unmöglich entgangen sein konnte.
(Broder, Spiegel Online, ebd.)

Der Herr Broder zählt zwar auch niemals die Verbrechen der USA oder Israels mit auf, wenn er über Ahmadinschad schreibt, aber von Grass kann man das natürlich eben mal so verlangen.

Sicher doch hätte Grass früher mit seiner Geschichte der Zugehörigkeit der Waffen-SS rauskommen müssen, keine Frage. Seine Kritik an anderen, sich nicht gut genug ihrer Nazivergangenheit auseinandergesetzt zu haben, ist natürlich dadurch entwertet weil doppelzüngig. Nichtsdestotrotz bleibt Grass‘ Kritik richtig und er hat auch nie einen Hehl daraus gemacht, für die Ideologie der Nazis empfänglich gewesen zu sein.

Frank Schirrmacher, von dem ich sonst nicht viel halte, hat in diesem Fall recht, wenn er sagt, Grass hat den richtigen Zeitpunkt verpasst. Gelegenheiten hätte er genug gehabt, genutzt hat er davon keine – so sieht’s wohl aus. Grass wollte es dann doch ans Licht bringen, bevor es ein anderer tut und Grass womöglich posthum entwertet wird. Jetzt kann er diese Debatte noch selbst mitbeeinflussen.

Die moralische Instanz Grass ist aber für mich keinesfalls am Wanken. So groß war sie für mich eh nicht. Aber dass man jetzt seine sämtlichen Kommentare zu Themen der Zeitgeschichte, zu Politik und Gesellschaft „entwertet“ sieht, ist absurd. Er war einer der weniger Intellektuellen in Deutschland, die sich zu aktuellen Themen zu Wort gemeldet haben. Man muss ja nicht mit seiner Meinung übereinstimmen, aber als Mahner, als Denker hat(te) er seine Berechtigung.

Nachtrag (16.08.06): In Kriegsgefangenschaft hat er gegenüber den Amerikanern seine SS-Mitgliedschaft zugegeben. Wer wollte, konnte das sogar in der Wehrmachtsauskunftstelle nachrecherchieren.

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