„Weise“ ohne Menschenverstand

Es gibt eine Art von Vorschlägen, bei denen ich mich frage, wieviel gesunder Menschenverstand bei den Vorschlagenden noch vorhanden ist. Hier ist wieder so einer: pauschale 30%-Kürzung des Regelsatzes für alle ALG-II-Empfänger:

Die Expertise, die offiziell am kommenden Freitag vorgestellt werden soll, empfiehlt, den Regelsatz für das Arbeitslosengeld II (derzeit 345 Euro im Monat, ohne Wohnkostenzuschuss) um 30 Prozent zu kürzen. Im Gegenzug sollten die Hinzuverdienstmöglichkeiten für Empfänger von Hartz-IV-Mitteln erweitert werden.

30 Prozent, das sind 102 Euro. Bleiben also dem Hartz-IV-Empfänger noch 243 Euro zum Leben. Also für Lebensmittel, Strom, Telefon, Klamotten und übrig bleiben muss auch noch was, denn wenn die Waschmaschine oder der Kühlschrank kaputt geht, gibt es keine Sonderzahlungen mehr wie damals bei der Sozialhilfe. Das soll mir mal einer der Professoren, das soll mir überhaupt mal ein Mensch vormachen.

Okay, das Hinzuverdienen durch Arbeiten soll erleichtert werden. Dann muss es aber auch genug Möglichkeiten des Arbeitens geben.

Die Sachverständigen […] versprechen sich von ihrem Vorstoß bis zu 350000 neue Jobs für Geringqualifizierte und Langzeitarbeitslose.

350.000 neue Stellen, soso. Wir haben aber 2.800.000 ALG-II-Empfänger (siehe Monatsberichte Agentur für Arbeit). Wie passt das zusammen? 350.000 können versuchen, durch Arbeit auf die alten 345 Euro/Monat zu kommen, die anderen 2,25 Mio. haben Pech und vegetieren mit 240 Euro/Monat dahin? Also, liebe Wirtschaftswissenschaftler, denkt doch einen Moment mal nach, bevor ihr ein Gutachten verfasst. Und denkt daran, dass ihr von Menschen redet und nicht von Wirtschaftsgütern oder Kostenfaktoren, die ihr in irgendeinem Modell unterbringt.

Nachtrag (12.09.06): Ganz so verstandslos sind die Wirtschaftsweisen dann wohl doch nicht. Auf den vollen Hartz-IV-Satz kommt demnach nur noch der, der auch arbeiten geht. Eine Arbeit wird ihm mehr oder weniger besorgt. Für alle anderen gilt dann der 30%-Abschlag.
Aber solche Abschläge bei Nichtannahme eines Arbeitsangebotes sind schon heute möglich. Allein, die Angebote reichen nicht für alle Arbeitslosen.

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