Die Wiederentdeckung der Unterschicht

Oh, Deutschland hat eine Unterschicht, welch‘ Überraschung. Da braucht man sich nicht vor erschrecken, das Phänomen ist nicht nur Soziologen bekannt. Der Armutsbericht der Bundesregierung* ist dafür eine interessante Lektüre. Es hilft auch nicht, wenn man ganz generell keine Schichten in Deutschland sehen will, wie Münterfering:

„Es gibt keine Schichten in Deutschland“

Was ist passiert? Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung hat eine Studie mit dem Titel „Gesellschaft im Reformprozess“ erstellt, in der es um politische Typen geht. Veröffentlicht wird die Studie erst Ende 2006, Teile davon sind bekannt geworden und darum jetzt die Aufregung.

Diese „politischen Typen“ wurden nach ihren politischen Wertevorstellungen und Einstellungen zusammengestellt, um zu klaren Aussagen über neue „politische Milieus“ zu kommen.

Die Studie kommt dabei zum Ergebnis, dass es 9** politische Typen (PDF,) gibt, u.a. eben auch das „abgehängte Prekariat“

Das Abgehängte Prekariat (8%) ist geprägt von sozialem Ausschluss und Abstiegserfahrungen. Diese Gruppe hat einen hohen Anteil berufsaktiver Altersgruppen, weist den höchsten Anteil an Arbeitslosen auf und ist zugleich ein stark ostdeutsch und männlich dominierter Typ. Mit der Großen Koalition sind sie in hohem Maße unzufrieden. Nichtwähler sind ebenso überproportional vertreten wie Wähler der Linkspartei und rechtsextremer Parteien.

SPD-Vorsitzender Beck machte daraus die eine „Unterschicht“ und schon war die Aufregung groß. 8% der Deutschen gehören der Studie nach dazu, 4% in West- und beachtliche 20% in Ostdeutschland. Jeder Fünfte lebt dort am Rande der Gesellschaft und es geht hierbei nicht nur um materielle Dinge. Diese Gesellschaftsgruppe fühlt sich von der Gesellschaft ausgeschlossen, versteht die Politik nicht, fühlt sich vom Staat allein gelassen, ist arbeitslos oder in unsicheren Arbeitsverhältnissen, hat was gegen Ausländer und wählt auch gerne mal eine rechtsextreme Partei. (siehe Material der Süddeutschen Zeitung, PDF) Ähnliches hatte ich neulich schon mal beim Thema NPD angedeutet.

Hartz IV ist an dieser „neuen Unterschicht“ nicht schuld. Diese Unterschicht war in ähnlicher Form schon vorher da und ist nicht erst in den letzten Jahren entstanden. Im Gegenteil. Der Ansatz von Hartz IV war gerade, durch gezieltes Fördern und Fordern Bewegung in diese Gesellschaftsschicht reinzubringen. Das hat nicht geklappt, weil einerseits schlicht die Arbeit im ersten Arbeitsmarkt fehlt, der Staat weder Geld noch den Willen hat, sinnvolle Beschäftigung anzubieten und weil es an sinnvollen und zielgerichteten Weiterbildungsmaßnahmen für die Millionen Langzeitarbeitlosen fehlt.

Es ist aber schön, dass man mal wieder über Armut in Deutschland spricht. Noch schöner wäre es, wenn es dauerhaft ein Thema wäre und wenn man daraus Konsequenzen zieht. Bildung könnte z.B. ein Teil der Lösung sein. Bildung reicht aber nicht, wenn hinterher keine Arbeit vorhanden ist. Oder wenn junge Menschen nicht mal eine Ausbildungsstelle finden.

Wenn wir aber als Gesellschaft, und dazu zähle ich auch die Wirtschaft, deren Interesse nicht nur die Gewinnmaximierung auf Teufel komm raus sein kann, aber so weitermachen, dann haben wir bald eine Schicht in der Gesellschaft, die bestenfalls klein ist und friedlich bleibt. Im ungünstigen Fall, so wie in Ostdeutschland, wächst sie sich aber zahlenmäßig zu einer Bedrohung für Demokratie und Gesellschaft aus. Der auch politisch gewollte Übergang zu einer Dienstleistungsgesellschaft mit massenhaft unsicher und schlecht bezahlten Beschäftigten könnte den Trend verschärfen. Ich weiß nicht, ob statt der Dienstleistungs- eine Wissensgesellschaft möglich ist. Aber wenn ja, dann müssen Bildung und Ausbildung das A und O werden.

Vor allem muss man den (jungen) Menschen eine Chance geben. Leistung soll sich lohnen; das muss aber auch bedeuten, dass Menschen mit einem Schulabschluss, einem Hochschulabschluss oder einem Berufsabschluss eine Anstellung bekommen. Und nicht nur als billige und willige Praktikanten schuften „dürfen“. Irgendwann erlischt nämlich der Wunsch nach Aufstieg und nach Karriere wenn man sich vergeblich abstrampelt und es doch zu nichts bringt, obwohl man im Grunde nichts falsch macht.
Ich erwarte mutige Unternehmer, die einen Lehrling übernehmen, die einen Arbeitnehmer einstellen und besonders von großen Konzernen erwarte ich mehr als Gewinnmaximierung. Ein Arbeitnehmer hat einen Wert, neue, gute ausgebildete Arbeitnehmer können neue Produkte entwickeln, die das Fortbestehen eines Unternehmens auch noch in zig Jahren gewährleisten. Und ich erwarte mutige Banken, die Ideen finanzieren statt nur auf die Risiken zu schauen, die ihnen ihre von Jahr zu Jahr prächtiger werdenen Bilanzen verhageln könnten.

Linke Träumerei? Ja, kann sein. Heute erlaube ich mir das mal. Die Alternative ist eine gespaltene Gesellschaft, die uns im schlimmsten Fall irgendwann mal um die Ohren fliegt.

* Arm ist nach der Definition derjenige, der weniger als 60% des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Derzeit sind das etwa 938 Euro. Der Begriff „abgehängtes Prekariat“ umfasst mehr als nur den finanziellen Aspekt der Armut. Die Armutsdefinition ist obendrein eine relative.

** In der Aufzählung der Typen-Definitionen gibt es nur 8 Schichten (die „autoriätsorientierten Geringqualifizierten“ fehlen), in der Einleitung ist aber von 9 die Rede. Im Material, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt (PDF), sind ebenfalls 9 Typen vorhanden.

Ein Gedanke zu “Die Wiederentdeckung der Unterschicht

  1. Mit solch netten Studien kann man ja wunderbar von dem eigendlichen Problem das jedes Individeum hat hat ablenken, denn es ist ja nur jeder X-te davon betroffen.

    Anonymisierung hilft da sehr vom einzelnen Abzulenken, seinen eigenen Namen wie z.B. Kurt Beck, dass ist der kommende Kanzlerkanditat, ins Spiel zu bringen.

    Und der soll ja Kanzler werden bei der kommenden Bundestagswahl.

    Wie schon angemerkt hat Hartz IV die neue/ alte „Unterschicht“ nicht erfunden, die war immer da. DIe Hilflosigkeit und Abhängigkeit unserer Politiker hat da sehr viel mehr mit am Hut aber das ist ein anderes Thema

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