Nach dem Amoklauf: verbieten statt nachdenken

Das war abzusehen nach dem Amoklauf von Bastian Bosse in der Geschwister-Scholl-Realschule in Emsdetten: Ballerspiele sollen verboten werden. Das war so sicher, wie nach dem Blitz der Donner kommt. Und genauso viel Substanz steckt in dieser Forderung auch drin.

Wieder einmal wenn es komplex oder gar komplizert wird, wählt die Politik die Einfachheit und reduziert den Amoklauf auf Ego-Shooter. Wieder einmal zeigt sich die Unfähigkeit von Politikern für komplexe Ursachen, für die es nicht unbedingt eine schnelle oder überhaupt eine Lösung gibt.

Dabei hat der Amokläufer seine Motivation selbst in einem Abschiedsbrief beschrieben: er wollte Rache üben an seinen Mitschülern, die ihn gemobbt haben, so dass er sich als Verlierer fühlte:

Man hat mir gesagt ich muss zur Schule gehen, um für mein leben zu lernen, um später ein schönes Leben führen zu können. […]

Das einzigste was ich intensiv in der Schule beigebracht bekommen habe war, das ich ein Verlierer bin. […] Ich merkte mehr und mehr in was für einer Welt ich mich befand. Eine Welt in der Geld alles regiert, selbst in der Schule ging es nur darum. Man musste das neuste Handy haben, die neusten Klamotten, und die richtigen „Freunde“. hat man eines davon nicht ist man es nicht wert beachtet zu werden. Und diese Menschen nennt man Jocks. Jocks sind alle, die meinen aufgrund von teuren Klamotten oder schönen Mädchen an der Seite über anderen zu stehen. Ich verabscheue diese Menschen, nein, ich verabscheue Menschen.

[…]

Ich habe in den 18 Jahren meines Lebens erfahren müssen, das man nur Glücklich werden kann, wenn man sich der Masse fügt, der Gesellschaft anpasst. […]

[…]

Ich will R A C H E !

[…]

Seit meinem 6. Lebensjahr wurde ich von euch allen verarscht! Nun müsst ihr dafür bezahlen!

Aus diesem Brief lässt sich doch allerhand extrahieren. Natürlich passt das nicht in eine Schlagzeile oder in ein 30-Sekunden-Statement. Lösungen lassen sich auf die Schnelle schon gleich gar nicht präsentieren. Er hat sich von seinen Mitschülern, von der Gesellschaft, vom Leben gefickt in den Arsch getreten gefühlt. Die Konsumgesellschaft verantwortlich zu machen oder die Arschlöcher in der Schule, die immer die besten Mädels abkriegen (welcher Junge kennt das nicht?), ist genauso naiv wie die Ballerspieltheorie.

Da ist jemand ausgetickt. Lässt sich nie ganz verhindern. Auch wenn man es noch schwieriger macht, an Schusswaffen heranzukommen. Dann nimmt er das nächste Mal halt eine Machete oder sonstwas.

Man könnte aber das Thema Mobbing an der Schule im Unterricht thematisieren. Alles mögliche wird uns in der Schule beigebracht, wie wir aber mit unseren Mitmenschen umgehen sollen, dass sollen wir so en passant mitlernen. Warum reden wir in der Schule, in der Gesellschaft nicht häufiger darüber, wie wir miteinander umgehen wollen? Wie gehen wir mit denen um, die sich als Verlierer fühlen? Wen stellen wir ihnen zur Seite? Warum kommen Psychologen erst dann in die Schule, wenn die Kugeln geflogen sind?

3 Gedanken zu “Nach dem Amoklauf: verbieten statt nachdenken

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