ARD-Magazin „Kontraste“: Übergeigter Beitrag, Kritik unerwünscht

In der Sendung vom 23. November brachte „Kontraste“, das Politmagazin des RBB, einen Bericht, der einzig und allein darauf abzielt, nachzuweisen, wie brutal und gefährlich „Killerspiele“ sind. Der Zweck des Beitrags wird konsequenterweise auch gleich am Anfang genannt:

Wir von KONTRASTE meinen, so ein Verbot ist dringend nötig!

Einen ausgewogenen oder gar abwägenden Bericht kann man nun wohl kaum mehr erwarten. So kam es dann auch.

Daraufhin gab es wohl einigen Protest gegen diese Art der Berichterstattung. Manche schickten eine Mail und bekamen daraufhin auch Antwort vom für den Beitrag verantwortlichen Redakteur Steffen Mayer. Aus Zeitproblemen reichte es nur für eine vorgefertigte Mail. Die hat es aber in sich und versteigt sich zu der Aussage, dass friedfertige Ego-Shooterspieler statistische Ausnahmen seien:

All die empörten Spieler von Killerspielen, die sich selbst in Ihren E-mails Friedlichkeit und Intelligenz attestierten (und so meinten, den Beitrag ad absurdum geführt zu haben), dürfen sich also als den statistischen Ausreißer betrachten.

Mit der Statistik hat der Herr Mayer nicht so. Eigentlich sind nicht die friedfertigen Zeitgenossen unter den Shooterspielern die statistischen Ausreißer, sondern eben jene Amokläufer. Millionen Jugendliche und (junger) Erwachsene spielen diese Spiele. Von denen sind zwei ausgetickt. Wer sind jetzt die statistischen Ausreißer?!

Bevor Mayer eine Linkliste gibt, reicht es nochmal für eine gute Portion Sarkasmus Beleidigung:

Für alle Interessierten, insbesondere für all die Intelligenzbestien, die Killerspiele völlig harmlos finden, sei empfohlen, einen Blick in die Originalstudien zu werfen.

Eine These will bewiesen, nicht widerlegt werden

In der Mail macht Mayer dort weiter, wo beim Bericht aufgehört hat. Für ihn steht die außerordentliche Gefährlichkeit von Ballerspielen fest, jeder, der eine differenzierte Meinung hat und Mayers These für nicht sonderlich gut belegt hält, wird verunglimpft. Kritik unerwünscht. Mayer hat eine These und die wird nicht überprüft, sondern lediglich einseitig zu belegen versucht.

So schreibt Mayer in der Mail:

Computerspiele sind ein Faktor unter anderen, aber ein klar messbarer und höchst signifikanter Faktor.

Der erste Halbsatz ist richtig, der Rest nicht mehr. Als „höchst signifikant“, also als höchst bedeutsam, kann der Einfluss von Gewaltspielen nicht gelten, eher als ein kleinerer, untergeordneter Faktor unter vielen:

Doch niemand, so sind sich die meisten Wissenschaftler einig, wird allein durch den Konsum von Mediengewalt zum Kriminellen oder gar zum Mörder.

Hier spielen andere Faktoren eine wichtigere Rolle, die sich auf die Entwicklung eines Kindes auswirken – beispielsweise reale Gewalt im familiären Umfeld.
(Süddeutsche Zeitung, 20.11.06)

Zwei Fachleute, eine Meinung: Fertig ist die journalistische Ausgewogenheit

Im Beitrag von Mayer (leider nicht als Stream beim RBB [Nachtrag: doch als Stream vorhanden], ein Video bei YouTube wurde gelöscht) kommen dann folgerichtig auch nur zwei bekannte Gegner von Ballerspielen zu Wort: Prof. Manfred Spitzer und Prof. Christian Pfeiffer, der bei jeder Gelegenheit ein Verbot von Computerspielen fordert. Eine andere Meinung kommt nicht zu Wort.

Manchmal werden sogar vorsätzlich falsche Zusammenhänge hergestellt. Karl-Heinz Gasser, Innenminister Thüringen, wird im Zusammenhang mit dem Amoklauf in Erfurt 2002 mit den Worten zitiert:

Der Täter hatte sich trainiert an solchen Gewaltvideos, die außerordentlich gefährlich sind […]

Bei Mayer wird darauf dann:

Im April 2002 stürmte in Erfurt ein Jugendlicher seine ehemalige Schule. Er erschoss 16 Menschen. Auch er war Fan von brutalen Computerspielen. […]

Gewalttätige Computerspiele sind eine wichtige Ursache für Amokläufe. Denn mit solchen Spielen trainiert man genau das Falsche.

Gewaltvideos, Gewaltspiele – das ist doch alles das Gleiche. Reales Rumballern mit Waffen in selbstgedrehten Videos und Mausklicken ist ein und dasselbe. Da braucht man nicht zu differenzieren.

In Meyers Beitrag wird eine Monokausalität hergestellt, die nicht existiert. Stattdessen über wissenschaftliche Studien berichtet wird, die kaum klar belegen können, dass Ego-Shooter die vermeintliche Gefährlichkeit besitzen, wird den Zuschauern von zwei voreingenommenen Fachleuten Angst gemacht. Sie werden manipuliert. Es gibt keine Graustufen in diesem Bericht. Am Ende hat man die Zuschauer im Sinne Mayers gegen „Killerspiele“ aufgehetzt. Das ist Kampagnenjournalismus á la Blöd-Zeitung.

Der Zuschauer, der das nicht hinnehmen will und sich beschwert, wird dann auch noch angepflaumt.

Nachtrag (05.01.07): Die „PC Games“ hakt nach.

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