Eva Herman: Lob für die Nazis oder nicht?

Anfang September stellte Eva Herman auf einer Pressekonferenz ihr neues Buch vor. Eine Journalistin des Hamburger Abendblattes hörte dabei eine Nazihuldigung:

In diesem Zusammenhang machte die Autorin einen Schlenker zum Dritten Reich. Da sei vieles sehr schlecht gewesen, zum Beispiel Adolf Hitler, aber einiges eben auch sehr gut. Zum Beispiel die Wertschätzung der Mutter. Die hätten die 68er abgeschafft, und deshalb habe man nun den gesellschaftlichen Salat.

Die Aufregung danach war groß, der NDR entließ Herman daraufhin.

Auf ihrer Website wehrt sich Herman nun gegen den Vorwurf, sie die Nazis für ihre Familienwerte gelobt. Allein der Sender RTL habe die Pressekonferenz mitgeschnitten, habe sich aber geweigert, den Mitschnitt rauszurücken. Dann tauchte im Internet noch ein Tondokument auf, das ein Originalmitschnitt sein soll.

Ein solches Tondokument veröffentlicht Herman als Originalzitat (als MP3 und als PDF-Abschrift). Aus dieser Passage soll dann durch die Abendblatt-Journalistin die obige Nazihuldigung geworden sein:

Wir müssen den Familien Entlastung und nicht Belastung zumuten und müssen auch ‘ne Gerechtigkeit schaffen zwischen kinderlosen und kinderreichen Familien. Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68er wurde damals praktisch alles das alles, was wir an Werten hatten, es war ‘ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle, aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt – das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehen bleiben….

Auch wenn man sich das Zitat ein paar durchliest – es bleibt wirr und unklar, was Frau Herman uns damit sagen will.

Keine Huldigung?

Dröseln wir das ein bisschen auf:

Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde.

Das Bild der Mutter wurde im Nazireich eher überhöht als abgeschafft. Sie sollte sortenreine Krieger fürs Deutsche Reich gebären, sich aber ansonsten aus allem raushalten. Die 68er hingegen wollten die Frau aus der reinen Mutterrolle, in die die Frauen in den 50ern und 60ern zunehmend gedrängt wurden, heraus bekommen.
Wie man NS-Ideologie und 68er hier zusammen nennen kann, ist mir schleierhaft. Und natürlich folgte dem Nationalsozialismus nicht gleich die 68er-Zeit.
Ok, hier hätten wir keine Huldigung der Nazizeit, eher eine – wenn man so will – Ablehnung. Wenn auch faktisch seltsam begründet.

Aber vielleicht doch ein bisschen Lob für Werte unter den Nazis?

Weiter gehts:

Mit den 68er wurde damals praktisch alles das alles, was wir an Werten hatten, es war ‘ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle, aber es ist damals* eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt – das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehen bleiben….

Hier wird es nun vollkommen wirr. Wenn man das einfach so hintereinander weg liest, klingt es so, als sei die 68er-Zeit eine „grausame Zeit“ mit einem „durchgeknallten Politiker“. Wen und was meint Frau Herman damit? Kiesinger? Brandt?
Sie meinte mit der „grausamen Zeit“ wohl kaum die 68er sondern das Dritte Reich und der „durchgeknallte Politiker“ soll wohl eine Umschreibung für Hitler sein.
Wann ist jetzt aber „damals“ (mit dem Sternchen)? Für mich ist mit diesem „damals“ die 68er Zeit gemeint. Die Abschaffung von Werten wie Familie, Zusammenhalt und Mütter fand in dieser Zeit statt. Das sagt ja Frau Herman auch nicht zum ersten Mal, die Emanzipation der Frau ist für sie ja Grund allen übels und zu einer Massenbewegung wurde es eben nach in der 68er-Zeit.

Dieses „damals“ steht nicht für das Nazireich, obwohl sie noch einen Satz zuvor sagt, dass auch dort schon die Werte abgeschafft worden sind. Und so kommt es dann, dass die Worte „das, was gut war“ und „Wert“ mit dem Nazireich in einen engen sprachlichen Zusammenhang gebracht werden. Warum sollte Frau Herman sonst auf Schrecklichkeit des Naziregimes hinweisen, wenn sie sich nicht anschließend auf deren gute Werte berufen wollte.
Erst die Schrecklichkeit der Nazis beschwören und dann ein „Aber“ hinterherschicken, dass doch nicht alles schlecht war. Vom Muster her ist es das Gleiche, wenn immer wieder davon gesprochen wurde, dass Hitler zwar den 2. Weltkrieg und den Holocaust auf dem Gewissen hat, aber immerhin herrschte seinerzeit Vollbeschäftigung und tolle Autobahnen wurden gebaut und die Jugend hatte noch Respekt vor dem Alter.

Vorwurf der Nazihuldigung als zulässige Zuspitzung?

Wenn man will, könnte man also durchaus den Satz zu einem „Nicht alles bei Hitler war schlecht, Werte wie Kinder, Mütter und Familie waren gut“ zuspitzen. Man muss es nicht tun. Eva Herman hat sich aber mindestens sehr missverständlich und wirr ausgedrückt. Warum spricht sie nicht klar vom Missbrauch der von der ihr propagierten Werte durch die Nazis? Warum eiert sie da so rum? Dazu kann man doch einen glasklare, unmissverständlichen Standpunkt formulieren.

Ich mag es nicht, wenn man jemanden in eine Ecke stellt oder in eine Schublade steckt, in die derjenige nicht hingehört. Ich mag es nicht, wenn man jemandem ungerechterweise das Nazi-Etikett anpappt mit der Gewissheit, das von nun an jegliche inhaltliche Auseinandersetzung beendet ist. Der oder die Etikettierte hat nur noch damit zu tun, sich von diesem Vorwurf zu befreien; es geht von nun an um nichts anderes mehr.
Nazivergleiche kommen in der Regel dann, wenn einem sonst nichts mehr einfällt. Dabei fällt einem bei Hermans Thesen so viel mehr ein, dass man einen Nazivergleich getrost stecken lassen kann.

Ich habe eher das Gefühl, dass Frau Herman einen Kreuzzug für ihre Sicht der Familie führt und auf diesem Kreuzzug ist ihr manchmal nicht klar, wen sie da als historischen Zeugen benennt.

Nachtrag (10.10.07): Gestern abend war Frau Herman bei Kerner – mal wieder. Es ging in erster Linie um jenen missverständlichen Satz der Nazihuldigung. Sie redete sich einmal mehr um Kopf und Kragen. Sie sah bei sich keinen Fehler, gab noch nicht einmal die Missverständlichkeit ihres Satzes zu, faselte dann davon, dass man nicht gefahrlos über Geschichte sprechen könne, z.B. über jene Autobahnen von Adolf Hitler. Das alles führte dann dazu, dass Kerner Frau Herman deutlich machte, die Sendung zu verlassen. Kurz zuvor hatten Senta Berger und Margarethe Schreinemakers gedroht zu gehen.
Die Sendung kann man sich in der ZDF Mediathek nochmal ansehen.

Merkel vs. Iran: Versuch einer Beweislastumkehr

Nicht die Welt muss Iran beweisen, dass der Iran die Atombombe baut. Iran muss die Welt überzeugen, dass er die Atombombe nicht will.
(Bundeskanzlerin Merkel vor der UN-Vollversammlung am 25.09.07)

Der Iran ist sicher alles andere als ein netter Staat und sein Präsident Ahmadinedschad ist zugegebenermaßen ein reichlich unangehmer Geselle. Aber das rechtfertigt keine Beweislastumkehr à la „Beweis‘ uns deine Unschuld, damit wir dich in Ruhe lassen“.

So ein Prinzip dürfte sich für die internationale Zusammenarbeit als recht hinderlich erweisen, wenn jetzt jeder dem jeweils anderen beweisen muss, dass es nur friedliche Absichten hat. Besonders spannend könnte eine solche Beweisführung bei den bisherigen Atommächten werden.

Andererseits hatte Merkel vielleicht auch die Märchenstunde von 2003 vom damaligen US-Außenminister Colin Powell noch im Gedächtnis: Der Irak, seine Massenvernichtungswaffen und die mobilen Biowaffenproduktionsfabriken (PDF). Damals wurden „Beweise“ einfach erfunden. Diesmal soll sich der Beschuldigte selbst entlasten.

Ich finde ja die klassische Beweisführung, wie in Rechtsstaaten üblich, immer noch die beste Variante: Dem Beschuldigten muss die Tat bewiesen werden.

(Lesenswert dazu auch der Artikel beim Spiegelfechter.)

WordPress 2.3 läuft

Seit ein paar Minuten läuft nun hier auch WordPress in der Version 2.3. Upgrade hat reibungslos geklappt. Ich hatte allerdings auch ein Testblog aufgesetzt, um das Update wegen eventuell auftretender Probleme vorher zu testen. Die Datenbankstrukturen haben sich ja teilweise geändert, dadurch können einige Plugins rumzicken.

Die Featureliste reißt mich nicht vom Hocker, aber früher oder später kommt ein Sicherheitsloch in der alten Version und dann muss ich doch updaten. Einzig das automatische Umleiten von http://www.domain zu http://domain finde ich wirklich brauchbar.
Das Taggen hab ich bisher nicht genutzt, mal gucken, ob das jetzt anders wird.

Laut Kompatibiliätsliste machen meine genutzten Plugins „Similar Posts“ (liefert ähnliche Artikel unter einem Beitrag) und „Customizable Post Listings 1.5“ (sorgt für die Auflistung der letzten Beiträge in der Sidebar) Probleme.
Customizable Post Listings macht aber gar keine Probleme, bei Similarposts brauchen nur 4 Stellen im Code umbenannt zu werden, damit das Plugin wieder läuft:

Fixing this for 2.3 is easy. Open the similar-posts.php file in your favorite text editor and run a find-and-replace to turn all instances of “get_terms(? into “similar_posts_get_terms(? and it works just fine.
(aus den Kommentaren zum Plugin [Nr. 161] gefischt)

Die neue Updatefunktion ist zwar schön, aber dass sie per default aktiviert ist und für mein Begriffe ein paar Daten zuviel sendet, gefällt mir nicht. Weil ich ja ein bisschen paranoid pingelig bin, was den Datenschutz angeht, kommt bei mir die Lösung von Putzlowitsch zum Einsatz.
Verzichtet habe ich auf das Linklift-Plugin im deutschen WordPress-Paket.

Ich hab außerdem mal die Gelegenheit genutzt, um alle meine Veränderungen am Theme zu dokumentieren. Muss man ja auch mal machen …

Mangelnde Logik

Als Mangel wird das Nichtvorhandensein von etwas bezeichnet. Wenn es wirklich einen Fachkräftemangel (= Nichtvorhandensein von Fachkräften) gibt, dann verstehe ich nicht, was diese Regelung bringen soll:

Als Sofortmaßnahme gegen den Fachkräftemangel hat die Bundesregierung außerdem eine stärkere Öffnung des Arbeitsmarkts für Ausländer beschlossen. Vom 1. November an sollen Maschinen- und Fahrzeugbau- sowie Elektroingenieure aus den mittel- und osteuropäischen EU-Beitrittsstaaten leichter nach Deutschland kommen können.

Die Arbeitsagenturen müssen dann nicht mehr prüfen, ob für ihre Stelle auch ein deutscher Bewerber in Frage komme.

Wenn es keine deutschen Ingenieure gibt, dann kann logischerweise auch keiner in Frage kommen und dann konnten doch bisher auch schon osteuropäische Arbeitskräfte angeheuert werden. Wenn diese Vorrangklausel ein Hindernis darstellt, dann muss es also auch deutsche Ingenieure geben.

Es fehlen dann also nicht per se Ingenieure, sondern nur bestimmte Typen: jung, billig, formbar, ohne Weiterqualifikation sofort einsetzbar. Dann soll man das bitte auch dazu sagen, wenn man Fachkräftemangel spricht.

Bitte beim Rausgehen die Tür leise schließen

Warum müssen manche so einen Krawall machen, wenn sie etwas nicht mehr machen wollen? Große Enttäuschungen erwachsen aus hohen Erwartungen. Welche Erwartungen wurden denn von Maingold ans Bloggen gestellt?

Ich sehe im Internet und in Blogs ein Durchbrechen von Informations-, Publikations- und Meinungsmonopolen – nicht mehr und nicht weniger. Was jeder daraus macht, ist seine Sache.

Man muss doch nicht immer gleich alles über einen Kamm scheren. Nur weil es auch Spinner und Idioten gibt, kommt doch kaum einer auf die Idee, nun kein Buch mehr zu schreiben oder zu lesen. Das Medium Blog ist doch nicht doof, nur weil es ein paar Doofe auch nutzen.

Natürlich sind Blogs nicht mehr Avantgarde und wer gerne das macht, was avantgardistisch ist und es eben nur deshalb macht, weil es so ist, der ist natürlich enttäuscht von Blogs. Sie sind mittlerweile ein Massenphänomen, jeder kann eins aufsetzen oder eröffnen. Das ist ja das Gute daran.

Die Bezeichnung „Blogger“ ist im Laufe der Zeit zu einem regelrechten Schimpfwort verkommen […]

Seit wann das denn? Ich kann auch die weitere Kritik nicht nachvollziehen, nach der „‚extrem wichtige‘ Personen tagtäglich virtuelle Kämpfe um Positionen und Links mit bescheidenem Inhalt ausfechten“. Wo denn? Mir scheint, der Herr liest die falschen Blogs.

Manche nutzen Blogs, sich selbst dazustellen, öffentlich Meinungsbildung zu betreiben, um was zu verkaufen, um Geld zu verdienen, um Geschichten zu erzählen, um einfach nur zu schreiben. Das Schöne daran ist: jeder kann sich aussuchen, was er mag. Und er kann das andere links liegen lassen und bekommt im Normalfall gar nichts davon mit. Keine „Linkhuren, Speichellecker, SEOs“ oder sonstige echte oder vermeintliche Deppen.
Wer nicht in der Lage ist, seinen Feedreader mit guten Blogs zu bestücken, soll nicht rumheulen. Ich kann die Kritik sowohl von der Tonart als inhaltlich nicht teilen. Es gibt sehr gute Blogs mit für mich guten Inhalten und ich entdecke ständig neue. Auch vom Blogblues, von einer Art Herbststimmung kann ich nichts spüren. Von meinen regelmäßig besuchten Blogs (<50) ist bisher nur Jörg-Olaf Schäfers ausgestiegen .

Ich kanns auch nicht mehr hören, dass sich die Blogosphäre verändert hat. Ja, das hat sie. Vom ersten Tag an. Mit jedem neuen und jedem abtretenden Blogger geht das weiter. So ist der Lauf der Welt. Es bleibt alles anders.
„Nicht zu ihrem besten“ hat sich die Blogosphäre verändert. Sie ist zu einem Massenphänomen (einer trotzallem immer noch einer kleinen Minderheit) geworden. Und weil es glücklicherweise keinen Qualitätscheck gibt, kann jeder mitmachen. Unangenehme Typen eingeschlossen.

Für mich jedenfalls klingt das in etwa so, als wenn jemand nur schlechte Bücher gelesen hat und nun alles zwischen zwei Buchdeckel gedrucktes scheiße findet. Kann man machen. Man könnte aber auch zum guten Buch greifen.

Bosbach und das Konvertitenregister – Hat er nun oder hat er es nicht gefordert?

Hat Bosbach nun ein Konvertitenregister gefordert oder nicht? Er selbst fühlt sich missverstanden, nachdem es großen Protest gegen seine Forderung gab. Bosbach habe in der Sendung Münchner Runde am 11. September im Bayrischen Rundfunk „so ziemlich das Gegenteil“ von dem gesagt, was man ihm vorwirft – der Wunsch nach einem Register für zum Islam übergetretene Menschen.

Gut, gucken wir uns mal an, was Bosbach laut Zitateliste für diese Sendung gesagt hat (Hervorhebungen von mir):

Es gibt kein Konvertitenregister in Deutschland. Es muss niemand sich irgendwo registrieren lassen, wenn er zum Islam übergetreten ist. Ich glaube, man kann ihren Glauben abnehmen durch Beeidung von zwei Zeugen, jedenfalls formlos. Sie müssen da nicht zum Notar gehen.
Günther Beckstein hat nicht gesagt „Wir wollen alle rund um die Uhr beobachten“, er hat gesagt „Wir wollen ein Konvertitenregister haben“. Wir wollen wissen, wer übertritt, weil wir wissen: Nicht alle…Es treten zum Beispiel viele über, weil sie einen Ehegatten muslimischen Glaubens geheiratet haben, und man will jetzt eine gemeinsame Konfession haben. Wir wissen von einigen, nicht von allen, vielleicht noch nicht einmal von der Mehrzahl, dass sie danach bewusst Kontakt suchen zur radikalen, auch gewaltbereiten Islamistenszene und sich dort radikalisieren lassen. Da würden wir gerne wissen, wer das ist, denn wenn sie sich als Gefährder erweisen sollten, dann muss der Staat auch die Möglichkeit haben, dieser Gefährdung zu begegnen. Das hat nichts mit einem Generalverdacht zu tun, sondern mit Gefahrenabwehr.

Bosbach beruft sich auf Becksteins Vorschlag. Der soll nun als Erster auf die Idee mit dem Konvertitenregister gekommen sein. Aber den Satz „Wir wollen wissen, wer übertritt“ kann man kaum missverstehen. Mit „Wir“ meint Bosbach wohl den Staat bzw. die Ermittlungsbehörden und der/die wollen gerne wissen, wer die Religion wechselt. Und das läuft dann eben auf ein Konvertitenregister hinaus.
Klar ist jedenfalls: Bosbach spricht sich nicht gegen die Idee einer Liste von Religionsübertritten aus.

Für mich klingt das eher so, als wollten Beckstein und Bosbach auch gar keine große Sache daraus machen. Also keine offizielle Meldepflicht für Religionswechsel oder ähnliches. Nur wenn die Polizei davon Wind bekommt, wird es halt in einer Datenbank festgehalten, damit man bei Bedarf zugreifen kann. Das macht die Sache aber nicht besser, im Gegenteil.

Christliche Aufrüstung

Ich weiß nicht, ob es so gut ist, dem religiösen Extremismus der einen Seite religiöse Aufrüstung auf der anderen Seite entgegenzusetzen. Mir kommt es fast so vor, als würde man insgeheim den Islam um die vielen inbrünstigen Gläubigen und die frommen Moscheegänger beneiden.

Aufklärung und Humanismus haben zu einer Säkularisierung geführt und Religion damit zu einer Privatsache gemacht. Ins Private gehört der Glaube auch hin; in Schulen, Behörden oder Gerichten hat das Kruzifix nichts zu suchen.

Sven Scholz hat recht, wenn er von Geschichtklitterung schreibt: unsere heutige Kultur, unser Menschenbild, unser Grundgesetz sind nicht wegen sondern trotz Christentum so geworden, wie wir es heute vorfinden. Die moderne Gesellschaft ist Ergebnis von Aufklärung und Humanismus und hat seine Wurzeln in der griechischen Antike. Das heute sogenannte „christliche Menschenbild“ wurde in Zeiten der Renaissance und Aufklärung gegen die Kirche durchgesetzt. Der Mensch – als freies Individuum – hat sich mit Hilfe von Philosophie und Wissenschaft von der Kirche emanzipiert.

Wenn also die CDU wieder Kreuze aufhängen und „Gotteslästerung“ bestrafen will, dann geht das richtig weit zurück in der Entwicklung.

Die Angstmacher

Neulich hatte ich ja darüber geschrieben, dass Blogs an Relevanz gewinnen, weil dort Themen behandelt werden, die wonanders kaum oder in dieser Art gar nicht vorkommen.

Beim jetzt aktuellen Fall von Terroristen in Deutschland ist das wieder so. Ich wünschte mir mehr Fragen, mehr Kritik, mehr nüchterne Information statt der Wiedergabe der Mutmaßungen der Ermittlungsbehörden. Dazu kommt dann, dass die dünnen Fakten dann zusätzlich dramatisiert und aufgebauscht werden.

Kein Wunder, dass dann in einer Umfrage 72% der Befragten sagen, dass die RAF seinerzeit weniger gefährlich war als der islamistische Terrorismus heute. Und dass, obwohl die RAF nicht nur Anschläge plante, sondern zahlreiche Entführungen, Geiselnahmen und Sprengstoffanschlage tatsächlich durchführte. In der Häufigkeit und der Effektivität ist die RAF von damals mit den Islamisten von heute nicht vergleichbar.
Die RAF erscheint mir damals um Längen professioneller zu sein als es die islamistischen Terroristen heute sind.

Wirklich professionell?

Das, was wir von Fritzens Terrorgrüppchen wissen, geht über grobe Planung nicht hinaus. Die mutmaßlichen Terroristen waren in Pakistan in einem sog. Terroristencamp. Ein paar Ziele wurden mit dem Auto umfahren, 700 kg 35%-iges Wasserstoffperoxid wurde beschafft, ein paar Zünder wurden aus Syrien geliefert. Das Wasserstoffperoxid, wahrscheinlich der Grundstoff für den Sprengstoff Acetonperoxid (Triacetontriperoxid, TATP) gedacht wurde ihnen unterm Hintern geklaut und durch wertlose 3%ige Lösung ersetzt. Vom anderen Grundstoff, Aceton, ist nicht zu sehen. Davon hätte man ebenfalls so einige hundert kg benötigt.
Ob die Herstellung überhaupt geklappt hätte, ist fraglich. TATP ist höchst gefährlich in der Handhabung, möglicherweise hätten Fritz und seine Kumpels nur Oma Erna ihr klein Häuschen das angemietete Ferienhaus und sich selbst bei der Herstellung in die Luft gejagt. Mit Zünder und Sprengstoff hat man immer noch keine Bombe, die auch dann hochgeht, wenn sie es soll.
Kleinlaster wurden auch gekauft. Aber ohne Bombe sind die nicht gefährlicher als jeder andere Kleinlaster auf der Straße.

Dass Fritz und seine Kumpel für die Kommunikation in offene private W-LAN-Netze eingedrungen sind, mag für die Ermittler und Journalisten überraschend clever erscheinen, ist es aber nicht. An die Programme dafür kommt man leicht ran und die Handhabung nicht schwer. Dass allerdings die Mails unverschlüsselt verschickt wurden bzw. einfach nur in Order auf auf dem Server belassen wurden, spricht gegen eine professionelle Kommunikation.

Der Anruf Ende August aus Pakistan, doch Anschläge innerhalb der nächsten zwei Wochen durchzuführen, klingt für mich wie ein Arschtritt vom unzufriedenen Planungschef für die Nachwuchsgruppe aus dem Sauerland, in die Puschen zu kommen. Zu der Zeit war aber das Wasserstoffperoxid bereits wertlos und das Aceton noch nicht beschafft. Die Vorbereitungen waren also noch nicht soweit, dass es innerhalb der nächsten 14 Tage zu einem Anschlag hätte kommen können.

Mutmaßungen und Spekulation unkritisch übernommen

Stattdessen wird aber darüber geschrieben, dass die Anschlagspläne „sehr weit gediehen“ sind sind. Abgeleitet wird das aus jenem aufforderndem Telefonanruf aus Pakistan und einem Gespräch im Auto (!), wo man sich locker darüber unterhält, was man ins Visier nehmen könnte.

sz riesengroß

Gleich am Tag nach der Festnahme wurden Horrorszenarien über die möglichen Ausmaße beschrieben. „Größter islamistischer Anschlag in Europa vereitelt“ war der Titel eines Artikels der Süddeutschen Zeitung (mittlerweile wurde die Überschrift in „Mit 500 Kilo Sprengstoff in den ‚Heiligen Krieg'“ abgeändert, bei Verlinkungen wurde der Titel noch nicht geändert, siehe Screenshot).

Dann wird munter mitspekuliert, was man mit einer Sprengkraft von 550 kg TNT erreichen könnte. Soviel Sprengkraft hätte das fertige TATP gehabt, wenn man denn, ja wenn man denn Aceton und 35%ige Wasserstoffperoxidlösung gehabt hätte. Dann wird weiter munter über Anschlagsziele mitgemutmaßt, obwohl darüber nichts bekannt war. Dem Spiegel gegenüber sagt ein Beamter, „von einer fertigen Bombe“ sei man „noch recht weit entfernt“ gewesen.
Dass aber wahrscheinlich noch 7 weitere Mitglieder der Sauerlandtruppe frei herumlaufen und deren Aufenthaltsort trotz monatelanger Observation offenbar nicht bekannt ist (sonst hätte man sie schon verhaftet, denke ich), liest man an kritische Anmerkung nur selten.

Über die Verbindungen von Fritzens Gruppe nach außen, besonders zur „Islamic Jihad Union“ (IJU) und damit zu Al-Kaida wird zwar berichtet, aber offenbar wenig recherchiert. Allerdings gibt es Zweifel an der Existenz der IJU. Und so gibt es mehr Spekulation, mehr Panikmache, wenig genaue Trennung zwischen Mutmaßungen und Fakten und überhaupt zu wenig kritisches Hinterfragen seitens der Presse.

Jetzt habt gefälligst Angst!

Und damit komme ich zurück zu meinem Eingangsgedanken des Beitrages: Das, was fehlt – eine kritische Grundhaltung – finde ich in Blogs. Es gibt genug Ungereimtheiten, in die es sich einzuhaken lohnt. Stattdessen kann man eher das lesen, das die Gefährlichkeit und die Bedrohlichkeit der Festgenommenen steigert. Und fordert uns Claus Kleber auf, mal richtig Angst zu haben, indem er gestern im heute-journal sagt:

Guten Abend! Deutschland ist noch einmal davon gekommen. Es war knapp, aber große Aufregung herrscht darüber nicht. Wahrscheinlich liegt es daran, dass unsere Phantasie nicht reicht um auszumalen, was hätte geschehen können, wäre es nach den Plänen der Terrorzelle gegangen.

Gerade dieses Nähren der Phantasie, das Angstmachen, dieses Heraufbeschwören von Gefahren, das Übertreiben der Gefährlichkeit des Gegners sind es, die uns in den letzten Jahren viel Freiheit gekostet haben und wohl auch weiterhin kosten werden.

Eva Herman hat ein neues Buch geschrieben

Eva Herman hat es wieder getan. Sie hat ein neues Buch geschrieben auf ihrem Kreuzzug für klassische Rollenmuster. Vor einem Jahr schrieb sie mit dem „Eva-Prinzip“ die Frauen zurück ins Heim und an den Herd. Das Buch machte viel Wind und verkaufte sich sehr gut (über 100.000 Exemplare). Jetzt erscheint – wieder biblisch angehaucht – das „Arche-Noah-Prinzip“ und schlägt in die gleiche Kerbe. Diesmal geht es um den Mann, das arme Wesen und erneut die Familie.
Frau Herman scheint ihre Aufgabe gefunden zu haben: Zitate anderer, meist berühmter Menschen verschwurbeltet, verallgemeinert und vereinfacht sie zu einer Küchenphilosophie und streut sie dann als vermeintlich einzig richtige Medizin für gesellschaftliche (Fehl-)Entwicklungen unters Volk.

Apropos Volk: Frau Herman entblödete sich auch nicht, bei ihrer Buchvorstellung am 6. September die Nazis für ihre „Wertschätzung der Mutter“ zu loben. Felix Schwenzel bezweifelt allerdings, ob Frau Herman die damals sehr selektive Wertschätzung und überhaupt die Sache mit dem Dritten Reich richtig verstanden hat:

die wertschätzung der nazis für mütter war ja relativ eingeschränkt. mütter die nicht der richtigen „rasse“ angehörten oder „erbkrank“ waren wurden nicht so doll wertgeschätzt, sondern vergast, zwangssterilisiert oder für medizinische experimente misbraucht und gequält.

[…]

meint eva herman wirklich, ohne „schlechtes“ wie adolf hitler wäre das dritte reich ganz kuschelig gewesen? ist eva herman wirklich so ahnungslos und verblendet wie das zitat aus dem abendblatt nahelegt? oder ist sie einfach nur sausackblöd?

Liest man sich die Nazi-Ideologie von der Familie als Keimzelle der (gesunden arischen) Gesellschaft und der Rolle der Frau durch, dann ist das sowohl von der Wortwahl als auch von der Aussage her nahe an den Grundthesen von Frau Herman zu Familie und Frau. Einerseits überrascht mich das, andererseits auch wieder nicht. Diese Ähnlichkeit in den Grundthesen wird man in anderen Büchern von konservativen Eiferern auch finden können, ohne dass sie gleich Nazis sind. Herman möchte zurück in die Zeit des Rollenmodells der 50er Jahre, das sich ideologisch aus dem des Dritten Reichs speist.

In der bisherigen Diskussion um ihre seltsamen Thesen hat ihr noch keiner den Nazivorwurf an die Backe geklebt. Man konnte ihr bisher nur einen gewissen religiösen Eifer nicht absprechen. Dass sie sich nun selbst dem Nazivorwurf aussetzt, ist wirklich blöd. Vielleicht ist aber angebracht, mal über die Herkunft von Hermans Rollenvorstellungen zu sprechen.

Nachtrag (09.09.07): Der NDR, bei dem Eva Herman als Moderatorin tätig ist (Herman & Tietjen, Wer hat’s gesehen), hat sie aufgrund der „Wertschätzungs“-Äußerungen entlassen.

Nachtrag (28.09.07) : Es gibt das Originalzitat, anhand dessen sich jeder ein eigenes Bild ihrer Aussage machen kann.

„Erst schießen, dann Fragen stellen“

Im November 2005 massakrierten US-Marines 24 Zivilisten in der irakischen Stadt Haditha. Hinterher vertuschten die Soldaten ihre Aktion.

Einsatzleiter war damals der Unteroffizier Frank Wuterich (nomen est omen?!), der sein Handeln von damals heute verteidigt (!). Er habe unter den Umständen die „bestmögliche Entscheidung“ getroffen. Man vermutete Terroristen in Häusern in Haditha und deshalb gab er seinen Soldaten die Anweisung „erst zu schießen und später Fragen zu stellen“. Das ist natürlich ein gutes Mittel, wenn man herausfinden möchte, ob in einem Haus Terroristen oder Aufständische drin sind.
Unglaublich, wie man so ein Massaker hinterher auch noch verteidigen kann. Mit der Anweisung, erst zu schießen und dann zu fragen, war dem das Leben der Iraker scheißegal. Wie der Irakkrieg (und nicht nur dieser Krieg) gelaufen ist, ist dieses Denken aber weit verbreitet in der US-Armee. Er sagte auch, er habe so gehandelt, wie er ausgebildet wurde:

Wuterich said he was sorry women and children died, but he believes he was acting according to how he’d been trained.

Anschließend hatte man sich an den Toten dann noch „vergnügt“:

Im Kreuzverhör gab DeLa Cruz [ein anderer, damals beteiligter Soldat] zu, auf eine der Leichen uriniert zu haben. Seine Gefühle seien einfach mit ihm durchgegangen, sagte er. Zudem habe er gedacht, bei den Männern habe es sich um Aufständische gehandelt. Er bestritt, selbst eines der Opfer getötet zu haben. Er habe allerdings mehrere Schüsse auf deren Leichen abgegeben.

Na, wenn es Aufständische sind, dann kann man natürlich draufpinkeln und sonstwie schänden.

Das Verhalten ist sicher nicht die Regel, aber auch kein Einzelfall mehr:

Dutzende der Interviewten wurden Zeugen, wie ihre Kameraden irakische Zivilisten niederschossen, darunter auch Kinder. Einige haben selbst mitgemacht. Zwar legen die Soldaten Wert darauf, dass sich nicht alle Truppen an dem wahllosen Töten beteiligen. Aber sie beschreiben die Gräueltaten als alltäglich – nur werden die Vorfälle in der Regel nicht gemeldet und werden auch fast nie bestraft.

Die Soldaten scheinen durchzudrehen und überfordert zu sein oder aber sie haben kein Gefühl für Respekt und Mitmenschlichkeit. Ohne dieses Gefühl kann aber die US-Armee die Bevölkerung nicht für sich gewinnen.

Was mich auch wundert: der Hauptangeklagte Wuterich ist nur Unteroffizier, ein höherer Dienstgrad sitzt nicht auf der Anklagebank. Der Wüterich nimmt sich doch nicht einfach ein paar Soldaten und guckt in Häusern nach, ob da ein paar Terrors sitzen. Der kriegt doch einen konkreten Befehl. Und der hat entweder gelautet: Ballert auf alles, was sich bewegt! – dann sollte sein Vorgesetzter auf jeden Fall mitangeklagt sein – oder er sollte nur gucken, ob sich in den Häusern Aufständische aufhalten. Dann muss der Vorgesetzte hinterher was von dem Massaker mitbekommen haben und hat an der Vertuschung mitgewirkt. Auch dann gehört der/die Vorgesetzte(n) mitangeklagt.