Hass eines Intellektuellen auf das Netz

Achherje. Adam Soboczynski reiht sich ein in eine längere Liste derer, die ihrer Abscheu gegenüber amateurhaftem Geschreibsel Ausdruck verleihen.

Soboczynski versteigt sich in der Zeit zu der These, das Netz wäre der Feind des Intellektuellen, Intellektuelle würden gar „im Internet mit Hass verfolgt“ werden. Geht’s noch ein bisschen dramatischer, noch ein bisschen abwegiger, noch ein bisschen lächerlicher?! Einziger Beleg für seine steile These: vermeintlich „höhnische“ Leserkommentare unter Feuilletonartikeln, weil sie den Text nicht verstehen oder es für unverständliches Geschwurbel halten. Dabei kann es nur eine Erklärung für derartige Kommentare geben: der Leser ist zu doof für die hochtrabenden Texte. Das kann bei einem Teil der Kritik durchaus auch zutreffend sein, aber die Idee, dass das der Text schlicht unverständlich gewesen sein könnte, kommt Soboczynski nicht.

Überhaupt trieft der Zeit-Artikel nur so vor Arroganz. Überall Laien, die einfach so ihre Gedanken ins Internet absondern:

Bekämpft wird [der Intellektuelle] heute von gleich mehreren Seiten.
[…] von einer heraufziehenden Laienkultur, die sich ihrer Unbedarftheit rühmt: vom Kneipier, der einen Blog über den Bundestagswahlkampf führt, über die Verwaltungsfachangestellte, deren Gedichte jeder Verleger aus guten Gründen ignorierte, zum Programmierer, der nach Schichtende den Afghanistankonflikt analysiert. Es eint der Neid die Amateure. Was zu kompliziert scheint, wird verhöhnt. Gemeinschaft soll endlich wieder sein, wo noch Gesellschaft ist. Nichts anderes meinen Heil versprechende Begriffe des Netzes wie »Interaktion«, »Partizipation« oder »E-Community«, die jene Selektionsmechanismen aus der Welt zu schaffen versprechen, auf deren Anerkennung jeder Aufklärungsdiskurs beruht.

Ja, es darf jeder mitreden. Auch ohne Sachverstand. Das war noch nie anders, das Internet macht es nur sichtbar. Passierte früher nur in der Kneipe, am Stamm- oder Küchentisch. Aber warum soll nicht der Kneipier oder die Verwaltungsfachangestelle kluge, lesenswerte Gedanken haben können? Warum sollte der Afghanistankrieg oder die Bundestagswahl zu kompliziert sein für das vermeintlich einfache Volk? Partizipation und Interaktion sind obendrein keine Begriffe des Netzes, sondern Begriffe einer bürgerlichen Gesellschaft. Die überkommenen Selektionsmechanismen hingegen, nach denen ein paar Verleger und Chefredakteure entscheiden konnten, was das Volk zu sehen, hören und lesen bekommt, neigen sich glücklicherweise dem Ende. (Und tun wir bitte nicht so, als wenn diese Mechanismen in der Vergangenheit dafür gesorgt hätten, dass nicht fachlicher Unsinn geschrieben worden wäre.)
Andere Selektionsmechanismen – wer Unfug sagt oder schreibt, wird über kurz oder lang ignoriert – funktionieren auch im Netz.

Ein Beitrag im Netz, so die Verheißung, werde in der sogenannten Wissensgesellschaft wertvoller, je mehr Autoren an ihm herumlaborieren, ihn kommentieren, entweihen, seine wohlkomponierte Geschlossenheit aufbrechen, ihn kollektivieren zur flüchtigen Gedankenkolchose. Kooperation und Austausch sind die heiter propagierten Fetische, im Netz wie in Kultur- und Wissenschaftsinstitutionen, die Muße bekämpfen und intellektuelles Einzelgängertum, da sie für die Volksgemeinschaft nicht verwertbar scheinen.

Das ist keine Verheißung, sondern das ist ein Erfahrungswert: nur selten besitzt ein Mensch soviel Genie, dass seine Gedanken nicht durch andere erweitert und verbessert werden könnten. Auch Kunstwerke sind eigentlich nie das Werk eines einzelnen (auch wenn es gerne so dargestellt wird; es gibt immer Einflüsse von außen: Hinweisgeber, kritische Freunde, Korrekturleser etc.) und Wissenschaft ist es schon gleich gar nicht. Wissenschaftliche Erkenntnisse bauen immer auf den Vorarbeiten anderer auf und werden später durch andere erweitert oder gar widerlegt. „Intellektuelles Einzelgängertum“ ist ein arroganter Selbstbetrug, der die eigene Fehlbarkeit ignoriert und auf direktem Weg in den Elfenbeinturm führt.

Der Intellektuelle wird untertauchen wie der Taucher in die Tiefe, er wird Internetrandzonen bewohnen, Foren, die nur von seinesgleichen aufgesucht werden. Wie ja auch die Bullenzüchter der Welt sich heute in geschlossenen Zirkeln austauschen oder die Hebammen über ihr Wirken. Jedoch als der, der er bislang war, Störenfried des Konsenses, Vermittler von Wissensbeständen, Korrektiv des Staats, wird er verschwinden. Seine Spur ist eine, die bald schon Wellen glätten.

Und nun auch noch der weinerliche und gekränkte Intellektuelle. Ja, wir brauchen Querdenker, kluge Köpfe, die über den Tellerrand hinausgucken. Aber bitte keine arroganten, bornierten, unreflektierten Mist absondernden Intellektuellen. Die Eingangsthese wird durch nichts belegt, eine Verfolgungsjagd findet nicht statt, nirgendwo sonst könnte sich der Intellektuelle so austoben wie im Internet. Nicht das Internet hat einen Hass auf Intellektuelle, sondern hier hat umgekehrt ein Intellektueller Hass auf das Internet.

[via: Rivva]

Lesenswert sind auch Falk Lüke und die ausführlichere Replik auf Soboczynski von Marcel Weiß auf netzwertig.com.