Hysterie um RTLs „Erwachsen auf Probe“ – und wie es auch anders geht

Heute morgen im Deutschlandfunk sprach Andreas Stopp, verantwortlicher Medienredakteur des Radiosenders, über das Dilemma in der Berichterstattung über die Sendung „Erwachsen auf Probe“ von RTL: Würde man über die Sendung berichten, würde man der PR des Fernsehsenders in die Hände spielen; würde man hingegen nicht berichten, käme man dem Informationsauftrag nicht nach.

Hmm, klingt nach einem wirklichen Dilemma. Ist es aber gar nicht. Man (= Journalist) könnte nämlich einerseits die Heucheleien des Senders und die Dramaturgie der Sendung beleuchten, um dann dabei möglicherweise festzustellen, dass alles halb so wild ist. Andererseits könnte man dabei auf Hysterie verzichten, um eben gerade nicht das Format spannender erscheinen zu lassen, als es in Wirklichkeit ist und wie es der PR von RTL gut in den Kram passt.

Geht nicht? Doch, geht. Stefan Niggemeier hat zwei lesenswerte, informative aber vollkommen unaufgeregte Beiträge zu „Erwachsen auf Probe“ geschrieben. Die Babys waren nie allein, die Mütter immer in unmittelbarer Nähe, die Kinder haben keinen offenkundigen Schaden erlitten, die Protagonisten werden nicht lächerlich gemacht … und RTL will mit dem Format nicht die Welt retten sondern Geld verdienen. Also nichts, was die Hysterie rechtfertigen würde.

Dabei gäbe es im Zusammenhang mit solchen Sendungen durchaus Diskussionsbedarf, jenseits von Geschmacks- oder Moralfragen:

Manche halten die Aufregung um „Erwachsen auf Probe“ für den Anfang einer überfälligen Debatte über die Werte und Grenzen des Fernsehens heute. Aber dafür müsste man schon das taube Festhalten an der eigenen Position bei kontinuierlicher Steigerung der Lautstärke mit einer solchen Debatte verwechseln.

Die Diskussion, ob eine solche Sendung ausgestrahlt werden darf oder verboten werden muss, verhindert die Frage, in welcher Form sich das Fernsehen brisanten Themen und der Lebenswirklichkeit widmen sollte und wie es seiner Verantwortung gegenüber den Protagonisten gerecht wird. Das wären Fragen, die nicht nur angesichts der Explosion von billigsten und höchst zweifelhaften Reality-Formaten im Tagesprogramm der Sender notwendig und brisant wären.

Von dem Geschrei über die Produktion von „Erwachsen auf Probe“ bleibt, nüchtern betrachtet, vor allem eine sehr berechtigte Forderung: die Mitwirkung von Kindern bei Reality-Formaten zu regeln. Bislang gibt es nur Vorschriften für Dreharbeiten mit Kindern als Schauspielern. Sinnvoll wäre zum Beispiel die Pflicht, dass ein fachkundiger Betreuer vor Ort ist, der ausschließlich den Interessen der Kinder verpflichtet ist und nicht denen der Produktion. Eine solche, vom Jugendamt vermittelte Aufsicht könnte auch dann einschreiten, wenn die Eltern der Protagonisten sich vielleicht nicht trauen. Und er könnte, wenn – wie im Fall von „Erwachsen auf Probe“ – umstritten ist, welche Bedingungen tatsächlich vor Ort herrschten, für Klarheit sorgen.

Könnten wir bitte darüber reden, wie wir das organisieren?

Ah, können wir nicht.

Der Deutschlandfunk hat nach dem Gespräch mit Andreas Stopp eine kleine Reportage im Programm gehabt, in der es um minderjährige Mütter und ihre Probleme geht und wie der Staat ihnen hilft. Jenseits von RTL und Dramaturgie. So geht’s eben auch.

Nachtrag, nachdem ich die Sendung gesehen habe: Viel Lärm um nichts. Die Sendung ist keinen Skandal wert, man kann sie mögen oder auch nicht. Alles ist gemacht im Stil von Super-Nanny, Schuldnerberater Zwegat und „Teenager außer Kontrolle“. Auch der Sprecher ist der gleiche. Aber die Kessler nervt.

Scharmützel in Hessen

Ich weiß gar nicht so recht, wie ich die Situation in Hessen einschätzen soll. Die SPD dort macht Fehler, aber trotzdem: Zu sehr sieht mir das aufgebauscht aus; zu sehr riecht es nach Kampagne. Spiegel Online will mir seit Tagen einreden, Beck wäre am Ende, Ypsilanti reißt ihn in den Abgrund und die gesamte SPD gleich hinterher.

Andererseits wird mir die angeblich so aufrechte Landtagsabgeordnete Metzger präsentiert, die sich allein ihrem Gewissen verpflichtet fühlt und deshalb nicht mit der Linken zusammenarbeiten will. Bei näherer Betrachtungsweise stellt sich aber heraus, dass Frau Metzger Ypsilanti ziemlich ins offene Messer laufen lassen hat. An der entscheidenen Fraktionssitzung, in der Frau Ypsilanti die Gefolgschaft der Landtagsfraktion für ihren Plan einer Minderheitsregierung unter Zusammenarbeit mit der Linken ausloten wollte, wegen eines Urlaubs nicht teilgenommen hat. Von den anwesenden Abgeordneten kam kein Einspruch und so ging Frau Ypsilanti mit dem Plan, sich der Wahl zur Ministerpräsidentin zu stellen, an die Öffentlichkeit. Das Veto von Frau Metzger kam dann zuerst in die Presse als ins Ohr von Frau Ypsilanti. Sieht aber nach außen ziemlich dumm für Ypsilanti aus.

Dann versucht die SPD in Hessen, Frau Metzger wieder auf Linie zu bringen, rät ihr ein Mandatsverzicht an. Die Wirkung nach außen: Eine Aufrechte soll gebrochen werden. Die Schlagzeilen sind dementsprechend. So sehr ich Abgeordnete mag, die nach Gewissen und nicht nach Fraktions- oder Parteidisziplin abstimmen – so wenig gefällt mir Frau Metzger in der Rolle der aufrechten Abgeordneten. Durch ihr Schwänzen der sehr wichtigen Fraktionssitzung kam es erst dazu, dass Ypsilanti wie ein Idiot dasteht. (Und nicht wegen Metzgers Nein zur Zusammenarbeit mit der Linken. Wenn für Frau Metzger fundamentale Gründe gegen eine Zusammenarbeit mit der Linken sprechen, dann sagt man das frühzeitig und nicht erst, wenn der Zug schon Fahrt aufgenommen hat.)

All denjenigen, die eine Zusammenarbeit der SPD mit der Linken verteufeln, die schreiben jetzt umso wilder die SPD runter. Missverständnisse in Hessen, Beck hütet krank das Bett, die SPD weißt nicht so recht, wie sie mit der Linkspartei umgehen soll – besser geht es kaum, wenn man eine Kampagne gegen die SPD starten will. Und so wird einerseits die Grün-Schwarze Koalitionsabsicht in Hamburg als Wiedervereinigung des Bürgertums bejubelt, andererseits darf sich die SPD in einem Fünfparteiensystem keinen neuen Partner suchen.

Und natürlich reitet man immer noch auf auf dem vermeintlichen Wahlbetrug bzw. Wortbruch herum, dass Frau Ypsilanti vor der Wahl eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei ausgeschlossen hat. Der Ausschluss solch einer Zusammenarbeit war der Fehler von Ypsilanti, nicht aber ihr jetziger Wille zur Minderheitsregierung unter Zuhilfenahme der Stimmen der Linkspartei.
Es gibt schlimmere Brüche von Wahlversprechen. Zumal die Einhaltung eines Nichtkoalitionsundnichtzusammenarbeitsversprechen eh nicht in den Händen der Gewählten liegt, sondern einzig die Wähler darüber entscheiden, wie die Mehrheitsverhältnisse liegen. Dann ist es an der Zeit, sich die Mehrheiten zu suchen, die man für eine Regierung braucht. Frau Ypsilanti tut das – wenn auch zugegebenermaßen recht ungeschickt.

Apropos Mehrheit: Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn man der Frau Metzger ihren Willen lässt? SPD, Grüne und Linke kommen auf 57 Stimmen, 56 Stimmen sind die Mehrheit im hessischen Landtag. Es kommt also auf Metzger gar nicht an.
Wenn man einerseits gewissens- statt linientreue Abgeordnete wünscht, darf man andererseits in der Presse nicht losplärren, wie wenig geschlossen doch Partei X agiert und wie wenig Führungsstärke Parteichef Y zeigt. Da ist doch ganz viel Heuchelei und Opportunismus von den Medien dabei.

Broder & Co. gegen Stefan Niggemeier und Bildblog

Henryk M. Broder geht mit 2:1 in Führung. Erst kritisiert ihn Stefan Niggemeier und Broder keilt zurück. Er wirkt dabei reichlich beleidigt und spart nicht mit farbigen Metaphern.
9 Tage später der nächste Streich: Bild-Leser Broder hat sich das Bildblog angeguckt und findet es kleinkariert, langweilig und eigentlich total doof .

Dabei geht Broder mit einem ganz einfachen und doch billigen Trick vor: Er unterstellt demjenigen, der Dreck kritisiert, er würde in Wahrheit den gerade diesen Dreck lieben und im Übrigen wäre er ohne diesen Dreck eh überflüssig und arbeitslos. Eigentlich ist so einer nur ein Parasit.
Konkret: Stefan Niggemeier findet in Wahrheit die Bild-Zeitung ganz toll und und das Bildblog ist nur ein Alibi, diese tolle Zeitung lesen zu dürfen. Außerdem ernährt sich Niggemeier nur wie ein Parasit von den Fehlern der Bild. Würde Bild plötzlich keinen Mist mehr schreiben, dann hätte Niggemeier ja nichts mehr zu tun.
Und weil das Korinthenkacken allein so langweilig ist, hat man eben das Bildblog aufgemacht, um mit anderen zusammen kacken „wichsen“ zu können.

Eine gewisse Faszination für Bild muss man wohl mitbringen, um das Bildblog zu machen. Was die Autoren antreibt, kann man dort ja auch nachlesen , wenn man mag. Und manches am Bildblog ist auch wirklich kleinkariert – geschenkt. Trotzdem halte ich das Bildblog für ein wichtiges Watchblog einer Zeitung, die eigentlich nicht wichtig sein dürfte, aber von vielen Menschen (darunter auch viele Entscheidungsträger, Politiker etc.) ernst genommen wird.

Die Bild schreibt wirklich viel Mist, dessen man sich als Nicht-Bild-Leser gar nicht bewusst ist. Und ja, ich möchte darüber informiert werden, ohne selbst diese Zeitung lesen zu müssen oder gar Geld dafür ausgeben zu müssen.

Die ganze Debatte wird dann auch gleich noch weitergetragen: der Broder-Artikel schafft es auf welt.de und in die gedruckte Ausgabe, berichtet Broder-Kumpel und Welt-Autor Miersch (der das Offensichtliche als Verschwörung diskreditieren will und nebenbei noch nicht gemerkt hat, dass sich die Domain seiner Gutachse geändert hat). Allerdings erschien er in der Welt mit neuer Überschrift und ohne die schöne Wichs-Metapher.
Es ist wohl kein Zufall, dass der Artikel über Stefan Niggemeier und das Bildblog in der Welt steht. Der Axel-Springer-Verlag befindet sich gerade im Clinch mit dem Bildblog wegen dessen Beschwerden gegen die Bild beim Presserat.
Und auch der Chef der Axel-Springer-Akademie äußert sich in seinem Blog über die Fehde Broder vs. Niggemeier. Die Bildblog-Leser kommen auch hier nicht gut weg.

Die Linke verursacht Veränderungsschmerzen

Wo waren eigentlich diejenigen, die jetzt „Die Linke“ für nicht koalitionsfähig in Hessen halten, die letzten 10, 15 Jahre? Haben die nicht über die Elbe hinweg Richtung Osten geguckt? Da gibt’s die unmöglichen Koalitionen schon seit Jahren (allerdings unter dem alten Parteinamen PDS).

Was soll also das Gejammere? Die politische Richtung der Partei muss ja nicht jedem gefallen, aber sie als Schmuddelkinder hinzustellen, mit denen man nicht spielen darf, ist albern. Die Parteienlandschaft hat einen fünften Mitspieler, der Veränderungsschmerz ist groß.

So groß sogar, dass auch die Medien gerne mitmachen. Da wird dann dem DKP-Mitglied Wegner, über die Liste der Linken in den niedersächsischen Landtag eingezogen, der Unsinn angedichtet, sie wolle die Stasi wiederhaben. Stasi und DKP – das passt so toll zusammen, dass nicht hinterfragt wird, was der NDR in die Worte von Frau Wegner reininterpretiert:

Ich denke…, wenn man eine andere Gesellschaftsform errichtet, dass man da so ein Organ wieder braucht, weil man sich auch davor schützen muss, dass andere Kräfte, reaktionäre Kräfte, die Gelegenheit nutzen und so einen Staat von innen aufweichen.

Oh, Wunder, ein Staat braucht einen Geheimdienst zur Verteidigung seiner inneren Ordnung. Wer darin einen Skandal sieht, der möge bitte den Verfassungsschutz abschaffen. Was Frau Wegner sonst noch so sagt (Vergesellschaftung der Produktionsmittel, Mauer sollte die DDR vor den Kapitalisten schützen) war erwartbar und reicht ebenso nicht für einen Skandal.
Am Ende – und weil eine Landtagswahl in Hamburg vor der Tür steht – glauben alle an die Mär von der DKPistin und der Stasi und Frau wird aus der Fraktion ausgeschlossen.

Frau Ypsilanti in Hessen möchte sich in Hessen auch mit den Stimmen der Linken zur Ministerpräsidentin wählen lassen. Buuuh, das geht nicht, das ist Wortbruch, heißt es nun. Die Presse und die anderen Parteien schäumen, weil Ypsilanti Realpolitik macht. Wenn vor der Wahl alle Parteien alle Koalitionen außer der jeweiligen Wunschkoalition ausschließen, lässt der vermeintliche „Wortbruch“ nicht lange auf sich warten. Und wer den Parteien diese Ausschlüsse abnötigt, der wartet doch nur darauf, ihn hinterher als Lügner, Wortbrecher etc. hinstellen zu können. Der, der sich als erstes in Richtung Realität bewegt, bekommt diese Auszeichnung dann verliehen.

Die Fakten, der demokratische Menschenverstand spielen dann kaum noch eine Rolle. Die Wahlergebnisse erlauben nur die Große Koalition oder Koalitionen mit der FDP. Mit der Koch’schen CDU will Ypsilanti nicht (kann ich gut verstehen) und die FDP hat sich an die CDU gekettet und verweigert sich strikt jeder Dreikonstellation. Welche Alternativen bleiben dann noch? Man könnte das Volk solange wählen lassen, bis endlich die gewünschte Koalition möglich wird (wenn noch mehr Wahlmaschinen zum Einsatz kommen, klappt’s vielleicht sogar noch mit CDU/FDP) oder man geht das einzig verbliebene Bündnis ein: Rot-Rot-Grün.

In Hessen wurden 1985 auch die damals noch weitgehend als nicht koalitionsfähig eingestuften Grünen in die Regierung geholt (ja, genau, mit dem Joschka in Turnschuhen). Es wird Zeit, dass sich 23 Jahre später das gleiche mit der Linkspartei wiederholt.

Waterboarding und der Euphemismus von der Verhörmethode

Warum wird im Zusammenhang von Waterboarding immer wieder von einer „umstrittenen Verhörmethode“ gesprochen. Was soll der Euphemismus? Warum spricht man es nicht einfach aus: Waterboarding ist Folter.

Auch wenn diejenigen, die es tun, taten und zuließen – die US-Regierung und ihre Geheimdienste – offiziell nicht von Folter sprechen möchten. Wollen wir warten, bis Waterboarding auch offiziell als Folter bezeichnet werden darf?

Warum sollte Waterboarding nicht Folter sein? Dem zu Folternde wird Wasser in den Hals oder auf ein über Mund und Nase gespanntes Tuch geschüttet. Der Gefolterte hat das Gefühl zu ertrinken, er glaubt zu ersticken, er hat Panik, Todesangst. Weil er festgebunden ist, kann er sich dem nicht entziehen.
Da braucht man nicht viel Fantasie, um sich die Panik eines Menschen in dieser Situation vorzustellen.

Waterboarding hat eine lange Geschichte als Foltermethode. Und Folter dient dem Verhör. Aber daraus abzuleiten, Waterboarding sei eine Verhörmethode, ist euphemistisch. Man würde auch eine Streckbank oder Daumenschrauben heute nicht als Verhörmethode bezeichnen, sondern als Folter. Man sollte allgemein Folter nicht als Verhörmethode verharmlosen.

Auch 2008 wird es keine Gen-Revolution in der Medizin geben

Wenn Journalisten was von Genen oder Genetik oder Molekularbiologie schreiben, sind Superlative meist nicht weit weg. Entweder kommt dann der blanke Horror auf uns zu oder die Lösung für nahezu alle unsere Probleme. Fast immer beruhen solche Artikel dann auf schlichter Unwissenheit.
So ließ Frank Schirrmacher im Jahre 2000 sechs Seiten des FAZ-Feuilletons völlig sinnbefreit mit wilden Kombinationen von A, T, C und G bedrucken : ATCG sind die Basen der DNA und das menschliche Genom stand kurz davor, durchsequenziert (fälschlich „entschlüsselt“ genannt) zu werden. Schirrmacher Begeisterung war so groß, dass er einen Teil der menschlichen Basensequenz auf totes Holz drucken ließ.

Auf der DLD-Konferenz 2008 (DLD = digital, life, design) in München vor ein paar Tagen ging es auch um die Firma 23andMe. Christian Stöcker von Spiegel Online war auch vor Ort und hat sich begeistern lassen. Stöcker, der sonst vor allem über IT-Themen schreibt, hat Psychologie studiert und dann in Kulturkritik oder sowas promoviert .

So als schreibt Stöcker einen ziemlich begeisterten Artikel über 23andMe. Erst am Ende wird ein Konkurrenzprodukt erwähnt und schließlich auch noch ein wenig Kritik nachgeschoben. Dass aber beim heutigen Stand der Wissenschaft eine Genanalyse mit vermeintlichen Risikofaktoren vor allem nutzlose, möglicherweise aber angstverursachende Informationen darstellen und dass das Angebot in erster Linie Geldschneiderei sein könnte, davon erfährt man nichts.

Das Angebot von 23andMe suggeriert, als gäbe es von bestimmten Krankheitsbildern einen ganz bestimmten genetischen Fingerabdruck, den man nur zu suchen brauchte. Dem ist aber nicht so. Unser heutiges Wissen über die molekularen und genetischen Ursachen von Krankheiten sind sehr begrenzt. Publizierte Risikofaktoren für bestimmte Krankheiten sind aus verschiedenen Gründen mit großer Vorsicht zu genießen:

  • Auch wenn in einer Studie ein Teil der Kranken einen bestimmten Gendefekt hat, ist der Umkehrschluss, dass das defekte Gen zu dieser Krankheit führt, nicht erlaubt. Dieses defekte Gen wird dann meist als Risikofaktor angesehen. Wie stark dieser Faktor ist, lässt sich schwer sagen.
  • Wechselwirkungen von mehreren Faktoren lassen sich bisher nicht vorhersagen. Ebensowenig der Einfluss von externen Faktoren wie Ernährung, Bewegung, Stress etc.

Mit diesem Pool von unsicheren Daten möchte 23andMe arbeiten.

Guckt man sich die Webseite an, nimmt ein Teil einen großen Raum ein: Vererbungsanalyse. Wieviele Gene habe ich von meiner Mutter, welche von meinem Opa, wer sind meine früheren Vorfahren etc. Und eben auch die persönliche Risikoanalyse für bestimmte Krankheiten. Aufgrund der oben beschriebenen Probleme, läuft die Auswertung darauf hinaus, dass sie nutzlos sein wird, noch dazu für knappe 1000 US-Dollar.
Zu einem ganz ähnlichen Fazit kommen auch die Kollegen bei Plazeboalarm .

Nichtsdestotrotz hat sich aber Christian Stöcker zu einem weiteren Jubelartikel („Jetzt beginnt die Gen-Revolution“) inspirieren lassen. In diesem ruft er 2008 zu dem Jahr aus, „in dem vier Buchstaben [A, T, C und G – die Basen der DNA] endgültig die Herrschaft über die Medizin“ übernehmen. „Das Genomzeitalter hat begonnen.“ Ahja, gut zu wissen.

Das ist natürlich Quatsch. Das Genomzeitalter hat in der Forschung bereits vor einigen Jahren begonnen. In der praktischen Medizin allerdings – also in der Diagnostik und der Behandlung – spielt das Genom eine vernachlässigbare Rolle (bis auf die Diagnose von bestimmten Erbkrankheiten). Daran wird sich auch so bald nichts ändern. Bisher wurden noch keine DNA-Fingerabdrücke für Krankheiten gefunden, das wird sich so schnell nicht ändern, dafür ist das Wissen zu fragmentiert, zu lückenhaft. Die Gentherapie zur Behandlung von Krankheiten ist noch in einem frühen Experimentierstadium – wie schon seit Jahren.
Ob nun der Hausarzt oder der Arzt an der Uniklinik, beide werden sich auch in 2008 nur sehr wenig für das Genom eines Patienten interessieren.

Einmal mehr: Von Ahnungslosen im Netz und Arroganten in Redaktionen

Woher nehmen eigentlich Journalisten die Unverfrohrenheit, sich selbst als Quell der Qualität zu gebärden und alle anderen pauschal als „Amateure“* zu verunglimpfen, die eben zu jener Qualität nicht fähig sind.

Die Amateure haben eine Schul- und Berufsausbildung genossen, viele von ihnen ein Studium. Sie sind also mitnichten Amateure, sondern mindestens auf einem Gebiet Fachleute. Hinzu kommt mehr oder weniger jahrzehntelange Lebenserfahrung und ein mit Liebe seit langem gepflegtes Hobby. Wer seit Jahrzehnten Vögel beobachtet ist kein schlechterer Ornithologe als ein Biologe an der Uni. Warum auch? Beide haben vermutlich die gleichen Lehrbücher gelesen und beide dürften ähnlich viel praktische Erfahrung mitbringen, der Hobbyist vielleicht sogar mehr davon.

Und eben jene Amateure sind es, die die Wikipedia und Blogs schreiben und in Foren diskutieren. Es ist ein unglaubliche Menge an Arroganz erforderlich, diesen Menschen vorzuwerfen, sie könnten keine Qualität erzeugen.

Dahinter steckt die Angst, dass die Meinungsführerschaft verloren geht und dass sichtbar wird, dass einerseits der Journalist weniger klug ist, als er vorgibt und andererseits die Masse weniger dumm ist, als man angenommen hat. Scheint eine verbreitete Angst zu sein.

Kann mal jemand kräftig am Herrn Graff rütteln?! Seine auf der letzten Seite angeführten Beispiele belegen genau das Gegenteil dessen, was er zu beweisen versucht: Die Masse (Wikipedia) macht Fehler, der intern kontrollierte Journalismus nicht. Gerade hat eine Untersuchung im Stern festgestellt, dass die Wikipedia genauso fehlerfrei ist wie der Brockhaus. Und die sog. Qualitätsmedien sind nicht frei von Fehlern. Nur mal exemplarisch seien hier die Fantastereien anlässlich des G8-Gipfels genannt. Wer regelmäßig Blogs liest, kennt noch mehr von Journalisten verzapften Blödsinn.

Warum ist denn die Qualität der Wikipedia nicht schlechter als die des Brockhaus? Vermutlich weil für den Brockhaus genau die gleichen Leute schreiben wie für die Wikipedia. Beim Brockhaus nimmt man an, es handle sich um Doktoren und Professoren und würde man nachfragen, würde man wohl feststellen, dass es genauso ist. In der Wikipedia schreiben auch Doktoren, Doktoranden und andere Graduierte mit. Und andere Menschen, die aus Liebe zu einem Hobby Fachleute geworden sind. Nur weiß es dort keiner und die anonyme Masse kennt keine akademischen Grade.
Anders als Journalisten ist fast jeder durch Ausbildung/Studium Fachmann für irgendetwas.

Bei Kommentaren zum Weltgeschehen ist es noch mal eine ganz andere Sache: Hier kann jeder was zu sagen. Und es sollte auch jeder. Schließlich sind leben wir in einer Demokratie und ein jeder sollte sich eine Meinung bilden. Und Meinung bilden erfordert zwei Dinge: Nachdenken, den eigenen Kopf anstrengen und Faktenwissen zum Themengebiet. Das Faktenwissen ist nach wie vor ungleich verteilt, aber das Internet macht auch hier den Zugang zu Statistiken und Studien für Jeden leichter. Somit ist der limitierende Faktor für eine kluge Meinungsäußerung nur noch der eigene Intellekt. Und ich bin mir sicher, dass es da draußen, jenseits des Journlismus, eine Menge Leute gibt, die in diesem Punkt so manches Leitartikler und Redakteur in hoher Position in die Tasche steckt.

Ich glaube nicht, dass es im Journalismus mehr kluge Menschen gibt als draußen im Land. Weil es aber mehr Menschen draußen im Land gibt als Journalisten, gibt es da draußen auch mehr kluge Menschen als im Journalismus.
Ich habe jedenfalls in den letzten Jahre viele kluge Dinge von klugen Menschen in Blogs gelesen.

* Zum Stichwort Amateure vs. Profis fällt mir ein Zitat ein, das häufig in Signaturen in Foren auftaucht: „Habe keine Angst, etwas neues auszuprobieren. Bedenke, die Arche wurde von einem Amateur gebaut, die Titanic von Profis.“ (engl.: „Never be afraid to try something new. Remember, amateurs built the Ark, professionals built the Titanic.“)

Völkermord mit anderen Mitteln

In der taz vom 24. November steht ein Bericht über fast unvorstellbar brutale sexuelle Gewalt, „sexuellen Terrorismus“, im Kongo. Autor Dominic Johnson beginnt den eine Seite langen Bericht mit drastischen Beispielen. Ich möchte hier gar keine Zitate bringen. Der Artikel ist verlinkt, wer ihn lesen mag, kann draufklicken.

Da mutiert der Mensch zum Tier, jede Zivilität ist dahin. Im Kongo wird es real vollzogen, bei uns wird Sadismus in Filmen wie „Saw“ gezeigt, die viele ins Kino locken. Dieses Verhalten lässt sich offensichtlich nicht einfach mit Armut, Kriegswirren o.ä. erklären.

Ich bin beim Lesen von Nachrichten mit Todesfällen normalerweise nicht weiter emotional berührt. Aber wenn Menschenquälerei, Folter und Sadismus im Spiel sind, dann wird mir ganz anders.