„Erst schießen, dann Fragen stellen“

Im November 2005 massakrierten US-Marines 24 Zivilisten in der irakischen Stadt Haditha. Hinterher vertuschten die Soldaten ihre Aktion.

Einsatzleiter war damals der Unteroffizier Frank Wuterich (nomen est omen?!), der sein Handeln von damals heute verteidigt (!). Er habe unter den Umständen die „bestmögliche Entscheidung“ getroffen. Man vermutete Terroristen in Häusern in Haditha und deshalb gab er seinen Soldaten die Anweisung „erst zu schießen und später Fragen zu stellen“. Das ist natürlich ein gutes Mittel, wenn man herausfinden möchte, ob in einem Haus Terroristen oder Aufständische drin sind.
Unglaublich, wie man so ein Massaker hinterher auch noch verteidigen kann. Mit der Anweisung, erst zu schießen und dann zu fragen, war dem das Leben der Iraker scheißegal. Wie der Irakkrieg (und nicht nur dieser Krieg) gelaufen ist, ist dieses Denken aber weit verbreitet in der US-Armee. Er sagte auch, er habe so gehandelt, wie er ausgebildet wurde:

Wuterich said he was sorry women and children died, but he believes he was acting according to how he’d been trained.

Anschließend hatte man sich an den Toten dann noch „vergnügt“:

Im Kreuzverhör gab DeLa Cruz [ein anderer, damals beteiligter Soldat] zu, auf eine der Leichen uriniert zu haben. Seine Gefühle seien einfach mit ihm durchgegangen, sagte er. Zudem habe er gedacht, bei den Männern habe es sich um Aufständische gehandelt. Er bestritt, selbst eines der Opfer getötet zu haben. Er habe allerdings mehrere Schüsse auf deren Leichen abgegeben.

Na, wenn es Aufständische sind, dann kann man natürlich draufpinkeln und sonstwie schänden.

Das Verhalten ist sicher nicht die Regel, aber auch kein Einzelfall mehr:

Dutzende der Interviewten wurden Zeugen, wie ihre Kameraden irakische Zivilisten niederschossen, darunter auch Kinder. Einige haben selbst mitgemacht. Zwar legen die Soldaten Wert darauf, dass sich nicht alle Truppen an dem wahllosen Töten beteiligen. Aber sie beschreiben die Gräueltaten als alltäglich – nur werden die Vorfälle in der Regel nicht gemeldet und werden auch fast nie bestraft.

Die Soldaten scheinen durchzudrehen und überfordert zu sein oder aber sie haben kein Gefühl für Respekt und Mitmenschlichkeit. Ohne dieses Gefühl kann aber die US-Armee die Bevölkerung nicht für sich gewinnen.

Was mich auch wundert: der Hauptangeklagte Wuterich ist nur Unteroffizier, ein höherer Dienstgrad sitzt nicht auf der Anklagebank. Der Wüterich nimmt sich doch nicht einfach ein paar Soldaten und guckt in Häusern nach, ob da ein paar Terrors sitzen. Der kriegt doch einen konkreten Befehl. Und der hat entweder gelautet: Ballert auf alles, was sich bewegt! – dann sollte sein Vorgesetzter auf jeden Fall mitangeklagt sein – oder er sollte nur gucken, ob sich in den Häusern Aufständische aufhalten. Dann muss der Vorgesetzte hinterher was von dem Massaker mitbekommen haben und hat an der Vertuschung mitgewirkt. Auch dann gehört der/die Vorgesetzte(n) mitangeklagt.

Ein Gedanke zu “„Erst schießen, dann Fragen stellen“

  1. Du schreibst:

    Die Soldaten scheinen durchzudrehen und überfordert zu sein oder aber sie haben kein Gefühl für Respekt und Mitmenschlichkeit.

    Dazu ist zu sagen, dass es eine inzwischen wissenschaftlich erwiesene Tatsache ist, dass Menschen die in eine Lage kommen wie die US Marines im Irak, in der sie Macht über andere bekommen, die nicht oder wenig kontrolliert wird, sie diese dann auch nutzen.

    Vielleicht kennst Du ja den Film „Das Experiment“, das zeigt anschaulich, worum es hier geht. Der gleiche Effekt wirkt im Irak und er hat auch vorher in Vietnam, Stalingrad oder sonst wo gewirkt.

    Wichtig ist dabei, dass es sich bei den Soldaten, deren Verhalten entartet, ursprünglich um ganz normale Leute gehandelt hatte. Sie sind erst zu solch extremen Verhalten übergegangen, als sie mit der Situation im Irak konfrontiert worden sind.

    Daraus folgt, dass jeder x-beliebige Mensch, einmal in dieser Situation, sein Verhalten radikal umändern könnte (könnte deshalb, weil es natürlich Ausnahmen gibt).

    Auch wenn ich die Täter deshalb nun nicht in Schutz nehmen will, sollte man sich jedenfalls besser über die wahren Schuldigen aufregen, über die wenig bis gar nicht gesprochen wird. Bush und seine Militärchefs nämlich.

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