Kanzlerkandidatin Analena Baerbock

Heute wurde die Kanzlerkandidat*innenfrage bei den Grünen entschieden: Annalena Baerbock macht es. Robert Habeck lässt ihr den Vortritt, es scheint eine einvernehmliche Entscheidung zu sein. Diese 100%ige Harmonie kaufen ich den beiden nicht ab, beide sind Machtmenschen. Das gehört zu Spitzenpolitikern auch dazu und Macht ist per se nichts schlechtes, sondern notwendig für Veränderungen.

Ich schreibe es ganz offen: ich hätte mir Habeck gewünscht. Ich mag seine Nachdenklichkeit, seine Reflexion von Sprache, seine Sachlichkeit und seinen unbedingten Willen, Dinge zu einem kontruktiven Ergebnis zu führen. Mit ihm hätte ich mir eine stärkere Veränderung im Stil von Politik erhofft: Entscheidungen erklären, Sachzwänge erläutern, Erwägungsgründe darlegen und vor allem: um Kompromisse ringen, Menschen überzeugen. Außerdem: weniger inhaltsleere Phrasen.

Habecks blinder Fleck

Wer Habecks Texte liest, wer seine Interviews hört, merkt, was seine politischen Leidenschaften sind, wofür er brennt: Landwirtschaft, Natur- und Klimaschutz, Veränderungen der Arbeitswelt, Sozialpolitik. Es fehlt: das gesamte Spektrum der sogenannten Außen- und Sicherheitspolitik – Europa, G7, NATO, Migration, China, USA, Russland. Alles Themen, die häufig auf höchster politischer Ebene – den Staats- und Regierungschef*innen – verhandelt werden. In Deutschland also vom Kanzler oder der Kanzlerin. Das ist quasi Habecks blinder Fleck. Und deshalb glaube ich, dass Habeck am Ende auf die Chance zum Kanzleramt verzichtet hat: weil er sich zu wenig mit „seinen“ Themen hätte beschäftigen können. Wann hat sich in den letzten 20, 25 Jahren ein Kanzler oder eine Kanzlerin ernsthaft in die Innenpolitik gestürzt? Das war zuletzt Gerhard Schröder mit der Agenda 2010.
Annalena Baerbock hat hier mehr vorzuweisen: Auslandstudium mit Master-Abschluss an der London School of Economics in Völkerrecht und Büroleiterin einer Europaabgeordneten. Im Falle einer Regierungsbeteiligung könnte Habeck als Fachminister oder Fraktionschef innenpolitisch mehr bewegen.

Baerbocks offene Flanke

Ich finde die Entscheidung für Baerbock auch deshalb schade, weil ich glaube, dass mit Habeck ein oder zwei Stimmen-Prozentpunkte mehr drin sein könnten, dass er unter den Sonst-Nicht-Grünenwählern mehrheitsfähiger ist. Ja, auch deshalb, weil er ein älterer Mann ist. Und Baerbock eben mit 40 Jahren eine ziemlich junge Frau, die da ins Kanzlerinnenamt strebt. Ohne je in einer Regierung gewesen zu sein. Das könnte sich im Wahlkampf noch als Problem herausstellen. Nämlich dann, wenn folgendes Narrativ gesponnen wird: hier will eine Azubine ins Kanzleramt einziehen und mitten in einer Pandemie und vor großen Herausforderungen ihre Lehrjahre verbringen. Das ist so natürlich Quatsch. Ich traue aber insbesondere Söder, sollte er denn Kanzlerkandidat der CDU/CSU werden, die Skrupellosigkeit zu, genau dieses Narrativ zu bedienen: „die“ ist zu jung, zu unerfahren, es wäre verantwortungslos, ihr „das Land“ anzuvertrauen. Laschet traue ich das, netter verpackt, auch zu, wenn seine Not groß genug ist; der AfD sowieso. Ich hoffe wirklich, dass die grünen Wahlkampfmanager*innen darauf vorbereitet sind.

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