Über Klinsmann und Wendehälse

Zur Zeit sind alle Klinsmann-Fans. Bis kurz vor der WM waren das nur sehr wenige. Besonders in der Presse. Und ganz besonders natürlich die Blöd-Zeitung, aber eben nicht nur die. Da mochte ihn kaum jemand, da wurde er gerne kritisiert – von Redakteuren oder von vermeintlichen Fußballexperten (Ex-Spielern, Ex-Trainern, Bundesligavereinsmanagern), denen man eine Plattform bot, sich richtig auszukotzen.
Es waren natürlich immer die anderen. Die eigene Zeitung hat beim Klinsmann-Bashing natürlich nicht mitgemacht. Spiegel Online beispielsweise listet Kritiker und ihre Kritik auf. Kritik aus dem Spiegel kommt darin nicht vor. Gab es wohl nicht? Doch, gab es. Die Spiegelkritik hat was gefunden und listet die Skepsis an Klinsmann auf.
Schade, dass man jetzt keine Selbstkritik in den Sportteilen findet.

Ich habe Klinsmann am Anfang auch sehr skeptisch gesehen. In einem kleinen Online-Forum schrieb ich (Klinsmann war gerade im Gespräch als Bundestrainer, Hitzfeld hatte kurz zuvor abgelehnt, ein Co-Trainer noch nicht gefunden, Osieck war im Gespräch):

Nun sollen es wohl Jürgen Klinsmann (Bundestrainer bzw. Teamchef), Holger Osieck (Co-Trainer) und Oliver Bierhoff richten.
Beim DFB bricht wohl der Jungendwahn aus? Klinsmann hat zwar einen Trainerschein, aber noch niemals eine Mannschaft trainiert. Und was soll ein Manager der Nationalelf machen? Als Spindoktor arbeiten und die schlechten Spiele ein wenig schönfärben? Zumindest Osieck hat Trainererfahrung, aber er ist wohl zu unbekannt, um Teamchef zu werden.

Aber alles in allem kann ich keinen großen Wurf in dieser Troika erkennen. Wir hätten Hitzfeld kriegen können und nun bekommen wir vielleicht Klinsmann?!

Nachdem Klinsmann Bundestrainer geworden war, schrieb ich dann schon ein wenig besser über ihn:

Klinsmann (Bundestrainer) und Bierhoff (Manager) sind nun die zwei neuen an der Spitze der Nationalmannschaft. Ein Co-Trainer für Klinsmann fehlt noch, er selbst will sich auf die Suche danach begeben.

Beide, besonders aber Klinsmann, machen einen guten ersten Eindruck. Beide freuen sich auf die Aufgabe, haben (zu?) große Ziele und zeigen jede Menge Optimismus. Klinsi will eine „offensiv spielende“ Mannschaft haben, sieht in der National-Elf „Potential, die WM 2006 gewinnen“ zu können. Klingt alles nicht schlecht, das klingt sogar richtig gut, wenn man Klinsmann in Interviews das sagen hört und sieht. Sie scheinen auch zu wissen, welcher öffentliche und mediale Druck auf ihnen lastet.
Nur weiß ich nicht, ob er und Bierhoff nicht ein bisschen naiv an die Sache herangehen. Wenn wir gut spielen und Weltmeister werden wollen, muss sich im Vergleich zur EM aber gewaltig was verbessern. Ich hoffe, dass Klinsi und Bierhoff die Mittel dazu haben, unseren Nationalspielern einerseits Spaß am Fußball und Einsatzfreude beizubringen und andererseits Trainingsmethoden und Spieltaktiken haben, dass es dann auf dem Spielfeld auch nach gutem, interessantem und erfolgreichen Fußball aussieht.

Ich wünsche Klinsmann und Bierhoff und dem kommenden Co-Trainer auf jeden Fall viel Erfolg.

Klinsmann war als Trainer ja nun wirklich ein unbekannter. Nach dem tollen Confed-Cup konnte man sehen, dass Klinsmanns Arbeit in die richtige Richtung geht, dass er als Trainer kompetent ist. Und dann muss man Vertrauen in diese Kompetenz haben, auch wenn es mal schlecht läuft. Skeptisch konnte man am Anfang also sein. Nach dem Mitte März 2006 mit 1:4 gegen Italien verlorenen Spiel, also die Kritik gegen Klinsmann auf dem Höhepunkt war, hab ich das über ihn geschrieben:

Zurzeit steht Klinsmann ja stark unter Beschuss. Besonders die Blöd-Zeitung fährt eine Kampagne gegen ihn. Nach der 4:1-Niederlage gegen Italien ging das erst richtig los. Plötzlich ist wieder jeder Fußballexperte und der Bundestrainer sollte sogar vor den Sportausschuss des Bundestages zitiert werden, was der Grünen-Fraktionschef Kuhn lakonisch mit den Worten „dann könne man auch gleich über die Aufstellung Bundestag abstimmen“ kommentierte.

Was ist also los? Klinsmann hat von Anfang eine Verjüngung der Nationmalmannschaft durchgeführt (im Gegensatz zu Völler) und hat bewusst auf alte Spieler verzichtet. Solange die deutsche Nationalmannschaft gut gespielt hat, gab es dafür Applaus, jetzt ist das wieder falsch.
Man wusste von Anfang an, dass Klinsmann mit seiner Familie in den USA lebt. Er ist wesentlich häufiger in Deutschland als am Anfang seiner Trainerschaft, seine Mitarbeiter sind ohnehin dauerhaft in Deutschland. Unter der Woche sind die Nationalspieler eh in ihren Vereinen im Training, der Bundestrainer hätte also dann keinen Zugriff auf die Spieler. Wozu also jetzt die Forderung, er solle nach Deutschland ziehen?

Klinsmann macht seine Sache bisher gut. Ich mag seine geradlinige, unabhängige Art. Das ist es wohl auch, was man damit meint, wenn man sagt, Klinsmann sei „beratungsresistent“. Er lässt sich halt nicht vom DFB oder den Vereinen allzu sehr reinquatschen. Das kommt nicht gut an.
Meine anfängliche Skepsis hab ich abgelegt.

Ich bin mal gespannt, wann dem neuen Bundes- und alten Co-Trainer Joachim Löw die Kritik wieder im die Ohren fliegt. Ging ja Rudi Völler nach der Vizeweltmeisterschaft 2002 bald genauso. Wobei damals wirklich Stillstand in der Spielweise zu erkennen war.

Über seinen Rücktritt weiß ich noch nicht so recht, was ich davon halten soll. Einerseits entsteht für mich den Eindruck, als wenn er jetzt auf halber Strecke die Brocken hinwirft, weil nun die wenig ruhmreiche Arbeit der EM-Qualifikation ansteht. Da werden Spieler verletzt ausfallen, die Motivation wird nun hoch genug, gute Spiele zu spielen, schön zu spielen und und die Kritik wird zunehmen.
Andererseits ist er ein Typ, der etwas ganz oder gar nicht macht. Wenn er ausgebrannt ist, in dieser Intensität nicht mehr weiter machen kann (jeder Mensch ist unterschiedlich stark belastbar) oder will (weil ihm anderes wichtiger ist), muss man das akzeptieren. Familie und wohl auch Freizeit gehen ihm über Karriere – eine Einstellung, die ich nicht mal unbedingt schlecht finde.

Er ist ein Lustmensch, der Dinge aus Leidenschaft macht. Wenn die er das Gefühl hat, die Leidenschaft ist weg, lässt er es lieber bleiben. Ich kann diese Art verstehen, sie ist aber leider kurzatmig. Klinsmann kann sich diese Art leisten, er bekam ein Jahresgehalt von 2,3 Mio Euro.

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